Neapel. Vergangenen Sonntag hat der Titelkampf in der Serie A eine überraschende Wende genommen. Wenige Runden vor Saisonende sah es so aus, als würde Juventus erneut die Meisterschaft gewinnen, den siebenten Scudetto in Serie. Doch der Auswärtssieg von Napoli in Turin brachte Spannung zurück, wurde von den Süditalienern fast schon wie ein Titel gefeiert. Der Rückstand auf Serienmeister Juventus beträgt dadurch vier Runden vor Schluss nur noch einen Punkt.

Diego Armando Maradona führte Napoli 1987 und 1990 zu den einzigen beiden Meistertiteln, die je ein Klub südlich von Rom gewinnen konnte. Doch danach ging es steil bergab mit dem Verein, der sich zu sehr verschuldete und sich Anfang des neuen Jahrtausends plötzlich in der dritten Liga wiederfand. Der Filmproduzent Aurelio De Laurentiis übernahm daraufhin den Verein mit dem Ziel, ihn wieder an der Spitze des italienischen Fußballs zu etablieren. Eine erfolgreiche Unternehmung, denn Napoli ist nicht nur seit 2007 wieder durchgehend erstklassig, sondern seit 2010 auch stets unter den ersten Fünf der Serie A. Die Fans richteten ihre Augen zuletzt schon vermehrt Richtung Titel, doch für mehr als zwei zweite Plätze reichte es bisher noch nicht.

Maradonas Erben


Bei den ersten beiden Meisterschaften des Klubs war Maradona der herausragende Akteur. In der aktuellen Mannschaft steht allerdings kein Individualist, sondern das Kollektiv im Vordergrund. Napoli setzt auf das spanische Positionsspiel und verfügt dabei vor allem über ein herausragendes Passspiel. Die meisten Mannschaften verteidigen gegen die Azzurri tief in der eigenen Hälfte und verzichten auf ein hohes Pressing, da der Versuch, Napoli im Spielaufbau den Ball abzunehmen, zumeist aussichtslos ist und nur gefährlichen Raum für die Offensive öffnen würde. Jede noch so große Drucksituation können die Spieler mit schnellem Kombinationsspiel oder Dribblings auflösen. Der Spielstil besticht nicht nur durch seine Ästhetik, sondern ist auch funktional. Im Durchschnitt spielt Napoli ganze 728 Pässe pro Partie, was bisher zu 71 Toren in 34 Runden führte. Dafür benötigt die Mannschaft nicht mal einen klassischen Mittelstürmer. Seit Gonzalo Higuaín für 90 Millionen Euro von Juventus abgeworben wurde, füllt einfach der 169 Zentimeter große Dries Mertens, ursprünglich Flügelstürmer, diese Rolle aus und trifft regelmäßig.

Der Fußball von Napoli gilt längst als der vermeintlich schönste in ganz Europa. Vater dieses Erfolgs ist der Trainer Maurizio Sarri. Bevor dieser 2015 zum Verein kam, trainierte er erst eine einzige Saison in der höchsten Liga des italienischen Fußballs. "Ich habe sicherlich dafür bezahlt, nie Profifußballer gewesen zu sein", sagte Sarri einst. Dennoch gehört er nicht in eine Kategorie mit anderen aufstrebenden Trainern wie Julian Nagelsmann oder Domenico Tedesco. Denn Sarri ist bereits 59 Jahre alt und kämpfte sich langsam den steinigen Weg aus dem untersten Amateurfußball hoch. "Fußball ist der einzige Job, den ich auch umsonst machen würde", meinte er, und so entschied sich der aus der Toskana stammende Trainer 2001, seinen guten Job als Angestellter in einer Bank aufzugeben, um in die sechste Liga zu wechseln.