Berlin/München. (art) Zum Abschied gab’s Blumen, im buchstäblichen wie im übertragenen Sinnen. Seit Wochen zelebrieren sie in München das Ende der Ära Jupp Heynckes, die zwar nur acht Monate gedauert, sich aber unwiderruflich in die Köpfe eingebrannt hat. Unter dem im Oktober als Nachfolger für Carlo Ancelotti nach München geholten Trainer, der die Bayern schon 2013 zum bisher einzigen Mal in der Vereinsgeschichte zum Triple geführt hatte, haben sie nach einem durchwachsenen Saisonstart wieder zum gewohnten Erfolg gefunden - und, noch entscheidender: aus der Verunsicherung heraus zurück zu ihrer bei den Gegnern so unbeliebten Mia-san-mia-Identität. Dabei war Heynckes selbst nie ein Lautsprecher, er sehne sich nach der "Normalität des Alltags", sagte er dieser Tage. Es sind seine allerletzten als Bayern-Coach - als Trainer überhaupt. Denn nach dem Pokalfinale am Samstagabend in Berlin (20 Uhr/ARD) gegen Eintracht Frankfurt ist definitiv Schluss, dann geht Heynckes heim auf seinen Bauernhof, zu Frau und Hund.

Das Finale jedenfalls hat mehrere Geschichten zu erzählen: Das mögliche Comeback von Tormann Manuel Neuer - er wird nach seiner langwierigen Fußverletzung erstmals seit September zumindest auf der Bank sitzen -, die Chance für Eintrachts Kevin-Prince Boateng, seinen verletzten Bruder, Bayern-Star Jérôme, zumindest für ein Spiel in den Schatten zu stellen, oder auch das Treffen der Münchner auf ihren künftigen Trainer Niko Kovač.

Es war das Helfersyndrom

Über allem aber steht die Verabschiedung von Jupp Heynckes, einer der verdienstvollsten Persönlichkeiten des deutschen Fußballs der vergangenen Jahrzehnte. Schon als torgefährlicher Stürmer bei Mönchengladbach, seinem ursprünglichen Herzensverein, war er legendär, er gewann mehrmals die Meisterschaft, je einmal den DFB- sowie den Uefa-Cup, war Welt- und Europameister. Als Trainer entdeckte er einst einen gewissen Lothar Matthäus, 1998 gewann er mit Real Madrid die Champions League. Sein Denkmal setzte er sich schließlich mit dem Triple bei den Bayern 2013 - 22 Jahre nach dem unrühmlichen Ende seiner ersten Münchner Amtszeit, vier Jahre nach seiner zweiten, interimistischen Tätigkeit an der Säbener Straße beziehungsweise neun Jahre, nachdem er von Schalke als nicht mehr zeitgemäß erachtet worden war. Mit diesem dreifachen Erfolg hinterließ Heynckes Pep Guardiola ein Erbe, dem nicht einmal der schillernde Startrainer wirklich gerecht werden konnte, und verabschiedete sich selbst in den Ruhestand. Das war zumindest der Plan. Doch als schließlich Bayern-Präsident Uli Hoeneß kurzfristig einen Ersatz für Ancelotti suchte, schlug das "Helfersyndrom" beim heute 73-Jährigen zu, wie er selbst sagt.

Es sollte sich lohnen: In der Champions League schied man zwar im Halbfinale gegen Real Madrid aus, in der Liga überholten die Bayern aber schon bald die zunächst noch vor ihnen liegende Konkurrenz und zogen bis zum Saisonende auf mehr als 20 Punkte davon. Mehr noch aber ist es ein Verdienst Heynckes, dass im ansonsten dafür nicht unanfälligen München niemals Störgeräusche aufkamen - weder seitens der Klubführung noch durch bisweilen egozentrische Spieler. Auch Sandro Wagner, der nach seiner Nicht-Nominierung in den deutschen WM-Kader durch Joachim Löw trotzig seinen Rücktritt aus dem Team bekannt gegeben, gegen Löw gestichelt und sich auch sonst schon mit so manchem Trainer angelegt hatte, findet nur gute Worte für den Scheidenden. "Er kann schon auch ein bisschen zaubern", sagt er. "Dass er ein großartiger Trainer ist, ist unbestritten. Aber er ist auch ein großartiger Mensch."

Angesichts derlei Liebesschwüre war es wenig überraschend, dass Spieler wie Klubführung verzweifelt versuchten, Heynckes länger zu halten. Doch alle Bemühungen schlugen fehl, "der Job, so wie ich ihn ausübe, ist anstrengend", sagt Heynckes. Pensionsschock sei keiner zu erwarten, er werde keine Entzugserscheinungen und Langeweile haben ("Es gibt zu Hause immer etwas zu tun"), wohl aber "ein bisschen Wehmut", wenn er beim Cupfinale zum letzten Mal an der Seitenlinie steht. "Da werden sicher Emotionen hochkommen. Berlin ist das deutsche Wembley. Es ist ein Highlight mit dem FC Bayern, mit meinen Spielern", sagt Heynckes. "So ein Verhältnis hatte ich selten zu einer Mannschaft." Umgekehrt gilt dies offenbar genauso.