Moskau. (rel) Im Grunde befinden sich die Deutschen ja in bester Gesellschaft. Keine einzige der Mannschaften, die im Vorfeld der WM noch von Wettanbietern und Experten als Favoriten auf den Titel genannt wurden, hat am vergangenen Wochenende sonderlich überzeugt. Während Frankreich erst sehr spät zum 2:1 gegen Underdog Australien traf, kamen Argentinien (gegen Island) und Brasilien (gegen die Schweiz) im Auftaktspiel nicht über ein 1:1-Remis hinaus. Das Gesprächsthema unter Fans und Kommentatoren war aber die 0:1-Niederlage des amtierenden Weltmeisters Deutschland gegen Mexiko. Kein Wunder: Das letzte Mal, als man gleich zu Beginn einer WM ohne Punkte vom Platz ging (gegen Algerien 1982), ist mittlerweile 36 Jahre her.

Dementsprechend groß war daher auch am Tag danach die Aufregung in den Medien. "Was war das denn?", fragte etwa der "Spiegel", von einem taktisch "falschen Plan" sprach wiederum die "Süddeutsche Zeitung". Und die "Bild" hatte überhaupt nur Spott übrig: "Unfähig!" Der Adressat der Kritik war freilich rasch ausgemacht, und tatsächlich hätte der Start in Gruppe F, wo noch Schweden und Südkorea warten, für Trainer Jogi Löw nicht blöder laufen können. Weltuntergangsstimmung will er deswegen aber nicht aufkommen lassen. "Es gibt keinen Grund, völlig auseinanderzufallen", sagte der Coach. "Wir haben alle Möglichkeiten, das zu korrigieren."

Wie das gehen soll, wird noch zu klären sein. Viel Zeit dafür bleibt aber nicht, wartet doch am Samstag mit Schweden schon der nächste unangenehme Gegner. In der Mannschaft ist man gewarnt, aber auch zuversichtlich. "Wir haben die Fehler erkannt. Es sollte der letzte Warnschuss gewesen sein, um das abzustellen und endlich zu gewinnen", sagte Stürmer Timo Werner.

In der Abwehr allein gelassen

Die Mängelliste ist allerdings lang und bedenklich. Die aggressiven wie laufstarken Mexikaner hätten sogar höher gewinnen müssen, wenn sie ihre zahlreichen Konterchancen nicht nur beim Siegtor des starken Außenstürmers Hirving Lozano (35. Minute) genutzt hätten. Redebedarf haben besonders die Führungsspieler Jérôme Boateng und Mats Hummels, die sich im Abwehrzentrum oft allein gelassen fühlten. "Die Mexikaner sind vier-, fünfmal allein auf uns zugelaufen", klagte Boateng. Auch nach vorn ging viel zu wenig, weil die sonst so kombinationssichere deutsche Mannschaft ungewohnt viele Ballverluste hatte. "Fahrig", nannte Löw das. Auch Sami Khedira, Thomas Müller und Mesut Özil präsentierten sich weit entfernt von einer WM-Form.

Das, was so manchem Fan vor dem nächsten Auftritt Angst machen dürfte, ist der Umstand, dass sich die Niederlage in den jüngsten Tests, beim 1:2 in Klagenfurt und dem mageren 2:1 gegen Saudi-Arabien, ankündigte. Am Tag danach suchte die DFB-Elf jedenfalls die Einsamkeit: keine Pressekonferenz, kein Training vor Medien. "Wir haben genug Erfahrung, um auch mit so einer Niederlage umzugehen. Wir werden wieder aufstehen", sagte Löw und versprach, dass Deutschland nicht der nächste Titelträger sein werde, der nach Frankreich 2002, Italien 2010 und Spanien 2014 in der Vorrunde ausscheidet. "Uns wird es nicht passieren!"