Saransk/Kaliningrad. (sir) Die Papierform ist im Fußball einerseits von großer Bedeutung, andererseits besonders wurscht. Für echte Auskenner oder auch nur Besserwisser ist die Papierform das Fundament ausgefeilter Analysen, wer, wie und warum gewinnt oder eben verliert. Das ist wichtig, diese Diskussionen sind ein Teil des Fußballs. Doch gar nicht so selten pfeift die Realität auf diese Thesen, und dann kann zum Beispiel Argentinien mit Lionel Messi nicht gegen Island gewinnen, obwohl dessen Heimatstadt Rosario dreimal so groß wie Island ist.

Die Papierform ist es auch, die die Gruppe B zur besten aller WM-Vorrundengruppe gemacht hat. Portugal ist amtierender Europameister, Spanien hat von 2008 bis 2012 zweimal die EM und einmal die WM gewonnen, zudem war Portugal - bereits mit Cristiano Ronaldo - Vierter der Weltmeisterschaft 2006. Besser geht kaum. Iran und Marokko füllten diese Gruppe also nur auf, gewissermaßen als Statisten. Sagte zumindest die Papierform.

Die Wirklichkeit war für beide iberischen Teams dann aber bedeutend mühsamer, als es die Papierform verheißen hatte. Das direkte Duell zum Auftakt hatte mit einem sehenswerten, aber durchaus auch erratischen 3:3 geendet. In der zweiten Runde feierten Spanien und Portugal wenig überzeugende 1:0-Erfolge, und im letzten Gruppenmatch mussten beide Favoriten zittern. Portugal hatte am Ende sogar großes Glück.

Die Spanier offenbarten gegen Marokko erneut individuelle Schlampigkeiten. In der 13. Minute nutzte Khalid Boutaïb ein "Geh-du-hin-ich-hab-ihn-eh"-Missverständnis zwischen Sergio Ramos und Gerard Piqué, lief allein auf den Torhüter zu und verwertete das Geschenk zur Führung. Spanien schlug recht bald zurück, Andres Iniesta bediente Isco wunderbar, der nicht mehr viel tun musste (19.). Doch nach dem Ausgleich gelang den weitgehend uninspirierten Spaniern nicht mehr sehr viel.

Anders Marokko, das natürlich spielerisch unterlegen, meist tief in die eigene Hälfte gedrückt war. Doch es gab gelegentliche Konter, und einer führte nach der Pause zu einem Treffer ans Lattenkreuz.

In der 81. Minute lag Spanien erneut zurück nach einem Corner. Viel hatte der große Favorit gar nicht entgegenzusetzen, dennoch gelang in der Nachspielzeit der Ausgleich zum 2:2 durch Iago Aspas per Ferse. Es brachte Spanien sogar den Gruppensieg, da Portugal gegen den Iran ebenfalls nur remisierte. Und dabei noch Glück hatte, nicht auszuscheiden.

Auch hier diktierte zwar der als Favorit angetretene Europameister die Partie, doch der Iran war immer wieder mit schnellen Gegenangriffen gefährlich. Vor der Pause fehlten zwar die großen Chancen, doch schon da gab es immer wieder unangenehme, den Herzrhythmus von portugiesischen Verteidigern und iranischen Fans gefährdende Anspiele in den Strafraum.

Taremi beinahe Matchwinner

Doch dann kam, nein, nicht Ronaldo, sondern diesmal Ricardo Quaresma, der mit einem Außenrist-Schlenzer ins lange Eck kurz vor der Pause das 1:0 erzielte. Es war ein Trademark-Tor von Quaresma. Und Ronaldo? Der vergab zunächst einen Elfer nach Foul an ihm selbst, das der Schiedsrichter erst durch das Videostudium entdeckt hatte. In der 83. Minute beging der große Star dann sogar eine Tätlichkeit. Also möglicherweise. Der Schiedsrichter konsultierte jedenfalls die Zeitlupe und entschied, wie man wohl entscheiden muss, wenn man im Video einen Schlag des großen WM-Stars entdeckt: Er gab Gelb.



Das war der Auftakt für eine wirklich dramatische Schlussphase. Nach einer Flanke gab es wieder einmal einen Handselfer per Videoentscheid, den Karim Ansarifard sicher zum 1:1 verwertete. Es war der 20. Elfer dieser WM

Doch das war nicht alles. Tief in der Nachspielzeit hatte der Iran durch Mehdi Taremi die Riesenchance auf das 2:1 und damit das Achtelfinale. Er traf aber nur das Außennetz. Portugal ist weiter und spielt nun gegen Uruguay. Die Papierform hatte also recht. Irgendwie aber auch nicht.