Roman Neustädter ist bei der WM zum Zuschauen gezwungen. - © Martin Bureau/afp
Roman Neustädter ist bei der WM zum Zuschauen gezwungen. - © Martin Bureau/afp

Moskau. Russland hat mit guten Leistungen in den ersten zwei WM-Spielen überrascht. Der Gastgeber war schon vor dem letzten Gruppenspiel gegen Uruguay für das Achtelfinale qualifiziert, auch wenn das 0:3 dann ein eher unangenehmes Erlebnis war. Allerdings musste Russland dabei ab der 36. Minute nach einer roten Karte zu Zehnt spielen. "Die größte Stärke ist, dass sich kein Spieler für einen Zweikampf zu schade ist", sagt Roman Neustädter. Der Russlanddeutsche, dessen Eltern aus der Sowjetunion stammen, gehörte noch dem 30-Mann-Kader der WM-Vorbereitung an. Zehn Tage vor dem Eröffnungsspiel wurde er aus dem Kader gestrichen. "Das war ein Riesenschock", sagt Neustädter. Im Interview, das vor dem abschließenden Vorrundenspiel geführt wurde, spricht er über das Geheimnis des russischen Erfolgs, seine Nicht-Nominierung und darüber, was ihn an der westlichen Wahrnehmung Russlands stört.

"Wiener Zeitung": Herr Neustädter, warum ist Russland so gut in die WM gestartet?

Roman Neustädter: Wir haben als Team in der Vorbereitung extrem hart gearbeitet, was Kondition, Fitness und Taktik angeht. Das zahlt sich jetzt aus. Die Mannschaft marschiert extrem, und zwar in allerhöchstem Tempo. Das ist für jeden Gegner schwer zu verteidigen. Keiner ist sich für einen Schritt oder Sprint zu schade. Die Jungs haben bislang nicht viele Chancen zugelassen.

Russland hat bisher die meisten Kilometer zurückgelegt und die höchste Grundgeschwindigkeit.

Das ist nicht überraschend. Es gibt Teams, die technisch besser sind als wir. Unser Ziel war, dass man den Stil erkennt. Laufen und kämpfen geht immer, auch wenn man fußballerisch nicht so gut ist wie andere Nationen.

Die Ergebnisse im Vorfeld waren schlecht, unter anderem verlor man gegen Österreich mit 0:1. Was hat zuvor nicht geklappt?

Es war schwer, so lange zu spielen, ohne ein echtes Pflichtspiel zu haben. Natürlich versucht man, es gleich anzugehen. Aber am Ende sind es nur Freundschaftsspiele, und da können dann trotzdem die letzten paar Prozente fehlen. Am wichtigsten war das frühe Tor gegen Saudi-Arabien. Jetzt ist die Begeisterung so richtig übergeschwappt.

Erwartet sich das Land jetzt den Weltmeistertitel?

Die Mannschaft hat sich erarbeitet, dass ganz Russland hinter ihr steht. Das hat sie sich verdient. Sie haben aus einer kleinen Flamme einen Flächenbrand entfacht. Das Team wird von der Euphorie getragen. Jetzt funktioniert beinahe alles. Fast jeder Schuss, der aufs Tor geht, ist ein Treffer. Das hat man sich hart erarbeitet.