Kaliningrad. Am Ende reichte es sogar für den Gruppensieg. Spaniens Nationalteam hat in den ersten WM-Spielen unter Interimscoach Fernando Hierro aber alles andere als überzeugt. Beim ebenso glücklichen wie schmeichelhaften 2:2 zum Abschluss der Gruppenphase gegen die bereits ausgeschiedenen Marokkaner drohte dem Weltmeister von 2010 sogar das Aus. Nur weil auch Nachbar Portugal patzte, blieb den Spaniern im Achtelfinale ein Duell mit Uruguay erspart. Aber auch gegen Gastgeber Russland muss eine Steigerung her. "Wir müssen so ehrlich sein, das ist nicht der Weg", betonte Kapitän Sergio Ramos. "Wenn wir diese Fehler auch im Achtelfinale machen, fliegen wir nach Hause." Der Innenverteidiger von Real Madrid nahm sich selbst von der Kritik keineswegs aus. "Wir können alle besser spielen, ich auch."

Tatsächlich ist Spaniens Team unter Hierro noch nicht ins Rollen gekommen. Die überstürzte Trennung von Erfolgscoach Julen Lopetegui wegen dessen Wechsels zu Real Madrid zwei Tage vor Turnierstart hat Spuren hinterlassen. In Spaniens Spiel reagierte mitunter das Chaos. "Nicht einmal gegen eine bereits ausgeschiedene Mannschaft wie Marokko ist Sicherheit eingekehrt", kritisierte die katalanische Zeitung "La Vanguardia" am Dienstag.

Auch Hierro bereiten vor allem die fünf Gegentreffer, die sein Team bisher im Turnierverlauf erhalten hat, Kopfzerbrechen. "Wir müssen uns verbessern und die nötige Selbstkritik zeigen", sagte der frühere Real-Madrid-Star, der als Verbandssportdirektor für den gefeuerten Lopetegui eingesprungen ist - und immer noch um seine Anerkennung als Trainer ringt. Gegen Marokko vertraute er trotz schwacher Vorstellung lange seinen Routiniers. "Dem Spiel fehlte Tiefe, dem Trainer der Mut, etwas zu ändern, und trotzdem ist Spanien Gruppenerster", schrieb die spanische Sportzeitung "Marca". Augenscheinlich war auch die Abhängigkeit des Teams von Andrés Iniesta. Der 34-jährige Barça-Aktuer, der im Sommer zum japanischen Erstligisten Kobe wechselt, musste durchspielen und war der beste Spanier.

Für die Erlösung sorgte wiederum ein international weniger bekannter Kicker: der eingewechselte Iago Aspas von Celta Vigo mit einem sehenswerten Fersler. "Das Ziel ist erreicht, aber wir dürfen nicht stolz sein", erklärte Ramos. Hierro freute sich zwar über den Gruppensieg, warnte aber auch vor dem Gastgeber, der schon am Sonntag (16 Uhr MESZ) in Moskau wartet: "Wir müssen unsere Hausaufgaben ordentlich machen, Russland wird ein hartes Spiel."

Wirbel um regelwidrige Ecke

Dass es knapp werden kann, hat am Montag Marokko gezeigt und die deutlich höher eingeschätzten Spanier sogar an den Rand einer Niederlage gebracht. Dabei hatte der eine oder andere Moment bei den Nordafrikanern, die sogar für kurze Zeit in Führung gingen, für heftige Proteste gesorgt. So beklagte sich Marokkos Trainer Herve Renard über ein Blackout des Referees vor dem späten Ausgleich des Ex-Weltmeisters in der Nachspielzeit. Dabei war die Entscheidung tatsächlich kurios: "Die große Frage lautet: Darf man einen Eckball von der gegenüberliegenden Seite als der, auf der der Ball ins Aus gegangen ist, ausführen? Wenn nicht, dann ist es ein großer Schiedsrichterfehler gewesen", sagte Renard.

Vor Aspas’ Tor in der 91. Minute, der zunächst wegen vermeintlicher Abseitsstellung des Schützen nicht gegeben und erst nach Videobeweis anerkannt wurde, war der Ball auf der linken Angriffsseite der Spanier ins Toraus gegangen. Die anschließende Ecke führten die Iberer aber auf der rechten Seite aus. Dies war regelwidrig. Das war auch dem usbekischen Unparteiischen Rawschan Irmatow, der zur linken Eckfahne gedeutet hatte, bewusst gewesen, allerdings ließ er die Iberer nach deren schneller Ausführung des Corners auf der anderen Seite gewähren. Da es sich um eine Tatsachenentscheidung handelte, kann Marokko keinen Protest gegen die Wertung des Spiels einlegen. Renard hatte nach der Partie am Montagabend in Kaliningrad den Kontakt zum Referee gesucht, dabei aber keinen Erfolg. "Ich bin nach dem Spiel zur Schiedsrichterkabine gegangen. Aber die Tür blieb zu."

Mit der Leistung seiner Mannschaft bei der WM ist er dennoch zufrieden. "Wir sollten stolz sein auf das, was wir getan haben", erklärte der Coach und verwies auf die starken Auftritte des Teams gegen den Iran und Portugal (jeweils 0:1), die allerdings unbelohnt geblieben waren. Insgesamt sei die WM, die erste seit 1998 für Marokko, "ein magischer Moment" gewesen, fügte Renard hinzu. "Wir werden die WM immer in Erinnerung behalten."