Moskau. Keine Moskauer Straße ist derzeit so bunt wie sie. Doch heute Abend ist sie ganz in Rot getaucht. Fans des tunesischen Nationalteams haben sich vor den Geschäften und Lokalen versammelt und schwenken rote Fanschals. Ein junger Tunesier ist auf eine Laterne geklettert und schwingt eine riesige Fahne mit dem Halbmond und dem Stern über die Köpfe der Fans. Er feuert die Menge an, in die Schlachtrufe miteinzustimmen. Andere Fans sind auf die Mauern und Zäune geklettert und trommeln im Rhythmus der Gesänge auf Zäune und Wände.

Es ist ein typischer Abend auf der Nikolskaja-Straße im Moskauer Stadtzentrum, die direkt auf den Roten Platz führt. Hier herrscht der Ausnahmezustand, seit die WM in Russland angepfiffen wurde. Ausländische Fußballfans haben die Straße völlig in Beschlag genommen. Tag und Nacht wird hier gefeiert, gesungen, getrunken, getanzt und gejubelt. Ein bunter Karneval aus mexikanischen Fans mit ihren breiten Hüten, singende Anhänger Argentiniens und Uruguays, die Tango tanzen. Auch immer mehr russische Fangruppen haben sich eingefunden, die rufen: "Russland! Russland!" Die Straße ist in den Abendstunden mit Fans und Schaulustigen so überfüllt, dass es kaum ein Durchkommen mehr gibt.

Moskau feiert seine Fußball-WM. Es sind die Bilder eines bunten Treibens, die selbst eine Elf-Millionen-Einwohner-Metropole wie die russische Hauptstadt selten sieht. Wie die WM die Stadt verwandelt, ist derzeit Tischgespräch in den überfüllten Bars und Diskussionsstoff in den sozialen Medien. "Wir sind es nicht gewohnt, dass die Menschen im öffentlichen Raum so offen Emotionen zeigen", sagt Aljona, eine 38-jährige Buchhalterin und Fußballfan. Es ist wie ein kleines Stück Welt, das dieser Tage in Moskau zu Gast ist. Nachdem sie argentinische Fans kennengelernt hat, will ihre Freundin jetzt sogar Spanisch lernen, sagt sie. Täglich zieht es nicht nur Fußballfans, sondern viele schaulustige Moskauer auf die Nikolskaja-Straße, um in die bunte Atmosphäre einzutauchen.

Eingeschränktes Versammlungsrecht

Ein Freudenfest, das selbst die sonst für ihr hartes Durchgreifen bekannte Polizei nicht zu stören wagt. Dass singende und jubelnde Scharen durch die Straßen ziehen, ist in Russland nämlich alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Das strenge Versammlungsrecht sorgt gewöhnlich für Friedhofsruhe auf den Moskauer Straßen. Zugleich haben die Behörden aber auch die WM zum Anlass genommen, um das ohnehin rigide Versammlungsrecht noch weiter einzuschränken. Doch gegenüber den ausländischen Fans bemüht sich der Staat sichtlich, das Bild des weltoffenen Gastgebers abzugeben. Selbst, als ein zweiter Tunesier an diesem Abend auf die Laterne klettern will und diese schon gefährlich ins Schwanken kommt, schreitet kein Polizist ein. Auch das auf öffentlichen Plätzen geltende Alkoholverbot scheint außer Kraft gesetzt zu sein. In den sozialen Medien kursieren sogar Bilder von Polizisten, die mit einem Sombrero auf dem Kopf für mexikanischen Fans posieren.