Kasan/Wien. Manuel Neuer irrte herum. Nach dem 1:0 der Südkoreaner hatte sich der deutsche Torwart zu einem radikalen Positionswechsel entschlossen und tauchte plötzlich im Mittelfeld auf. Schließlich bekam er tatsächlich den Ball nahe der Outlinie - und ließ ihn sich sofort von den Koreanern wegschnappen. So löste Neuer einen Konter aus, bei dessen Abschluss Heung-min Son den Ball zum 2:0 nur noch in das leere Tor befördern musste. Damit war der Deckel drauf. Die Mission Titelverteidigung des (noch zwei Wochen) amtierenden Weltmeisters war im Chaos und in der Selbstauflösung geendet.

Wie das erstmalige Ausscheiden bei einer WM-Vorrunde aufzufassen ist, darüber herrscht in den deutschen Medien eine selten gelesene Einigkeit: als "historische Pleite" ("Süddeutsche Zeitung"), als "Desaster von Kasan" ("Hamburger Morgenpost"), als "das Unvorstellbare" ("Passauer Neue Presse"), das "für Entsetzen, nacktes Entsetzen" ("Abendblatt") sorgt. Und freilich stellt sich nun die Frage: Wie konnte es so weit kommen?

Träge und ideenlos

Darauf gibt es zunächst eine recht offensichtliche Antwort: Weil die DFB-Elf fürchterlich schlecht gespielt hat. Was diese Mannschaft kann und Trainer Jogi Löw eigentlich wollte, das zeigte sich nur ein paar Minuten lang, etwa in der Anfangs- und Schlussphase gegen Schweden. Da ließ die DFB-Auswahl den Ball schnell zirkulieren, stieß in offene Räume und kam zu Chancen - so hatte Deutschland ja schon in den Minuten vor dem 2:1-Freistoßtreffer von Toni Kroos gute Möglichkeiten gehabt.

Sonst war das deutsche Spiel von einer Ideenlosigkeit und Trägheit geprägt, die atemberaubend waren. Beispielhaft war dafür der Auftritt gegen Südkorea: Bei den Angriffen der DFB-Elf fehlten vollkommen Tempo und Nachdruck, die Spieler vollzogen kaum Positionswechsel, verzichteten weitestgehend auf überraschende Sprints, die die koreanische Abwehr durcheinanderwirbeln hätten können.

Und auch die Absicherung nach hinten funktionierte überhaupt nicht, die Gegner kamen bei ihren Angriffen immer wieder in Überzahlsituationen. Das war nicht nur in der Schlussphase gegen Südkorea so, als Deutschland mit dem Rücken zur Wand stand. Sondern auch bereits in den Spielen davor gegen Schweden und vor allem bei der 0:1-Niederlage gegen Mexiko war das der Fall.

Team ohne Gerüst

Die Frage, warum Deutschland so schlecht gespielt hat, ist schon schwieriger zu beantworten. Aber auch hier sind während des Turniers ein paar offensichtliche Antworten zum Vorschein gekommen.