- © M. Hirsch
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Kasan. (art) Es war Sommer 1978, die WM in Argentinien - und diese überschattet von der Militärdiktatur im Gastgeberland und Mauscheleien. Heute denken viele Argentinier nicht gerne daran zurück - und doch werden dieser Tage in Russland wieder Erinnerungen wach. Denn auf dem Weg zu ihrem ersten von bisher zwei Titeln, den die argentinische Nationalmannschaft schließlich mit einem 3:1 gegen die von Ernst Happel trainierten Niederländer holte, besiegte sie die Franzosen - zum zweiten und bisher letzten Mal auf WM-Ebene: 2:1 lautete das Ergebnis in der Vorrunde, Daniel Passarella hatte die Gastgeber mit einem fragwürdigen Elfmeter in Führung gebracht, Leopoldo Luque nach zwischenzeitlichem Ausgleich durch Michel Platini den Sieg fixiert. 40 Jahre später kämpfen Argentinien und Frankreich am Samstag (16 Uhr MESZ) in Kasan im Achtelfinale um den Einzug unter die besten Acht.

Es ist der Schlager unter den Achtelfinal-Partien. Frankreich ist Vize-Europameister, Argentinien Vize-Weltmeister, beide Mannschaften sind gespickt mit Stars, beide waren vor der WM dem Favoritenkreis zugeordnet worden - und beide haben in ihren Gruppen nicht gerade überzeugt. Argentinien wurschtelte sich mehr schlecht als recht durch die Gruppe mit Island (1:1), Kroatien (0:3) und Nigeria (2:1), Frankreich setzte sich in Pool C zwar mit zwei Siegen gegen die Außenseiter Australien und Peru sowie einem Remis gegen Dänemark recht souverän durch, die Tordifferenz mit 3:1 war aber bescheiden, der Nichtangriffspakt beim 0:0 gegen Dänemark - dem bisher einzigen torlosen Remis bei dieser WM - Fußball zum Wegschauen. Dabei ist die Équipe tricolore, die bisher eher als Équipe farblos agiert, gerade in der Offensive stark bestückt: Jungstar Kylian Mbappé und Antoine Griezmann gehören zu den Besten ihrer Zunft. Doch wie Argentinien, das mit Lionel Messi ebenfalls einen der stärksten Angreifer der Welt in seinen Reihen hat, kam die französische Offensive noch nicht ins Rollen - vor allem die vermeintliche Formschwäche von Atlético-Star Griezmann sorgt für Diskussionen in den Medien. Die Kritik an dem 27-Jährigen, der bisher erst ein Tor durch einen Elfmeter erzielte und davor mehr durch ein skurriles Video auffiel, in dem er seine Vertragsverlängerung beim spanischen Europa-League-Sieger verkündete, war teilweise so heftig, dass vor dem Achtelfinale sogar Mittelfeld-Star Paul Pogba, selbst immer wieder Ziel von Spekulationen, helfend zur Seite springen musste: "Greift mir meinen Grizou nicht an", sagte der 25-Jährige. "Ihr habt wohl die Euro vergessen."

Deschamps Rekordmann

Tatsächlich kam Griezmann auch bei dem Turnier vor zwei Jahren erst in der K.o.-Runde so richtig in Schwung, mit insgesamt sechs Treffern wurde er Torschützenkönig und hatte maßgeblichen Anteil am Einzug ins Finale gegen Portugal. Die wesentlichen Stützen sind dieselben geblieben, dazu konnte Didier Deschamps einige Jungstars wie Mbappé und Ousame Dembélé integrieren. Überhaupt hat es der seit 2012 amtierende Teamchef geschafft, die internen Gräben, mit denen seine Vorgänger Raymond Domenech (in Erinnerung ist noch ein Trainingsboykott bei der WM 2010) und Laurent Blanc zu kämpfen hatten, zu überbrücken. Wohl auch deswegen gab ihm Verbandpräsident Noël Le Graët eine Jobgarantie bis zum Auslaufen seines Vertrages 2020. Der 49-jährige Teamchef beschäftigt sich derweil nicht mit diesen Fragen, und auch nicht mit der Vergangenheit. Dabei begeht er selbst dieser Tage ein doppeltes Jubiläum: Mit seinem 80. Länderspiel als Teamchef wird er alleiniger Rekordhalter. Und vor 20 Jahren führte er Frankreich als Kapitän zum WM-Titel.