Keisuke Honda und Co. werden in ihrer Heimat begeistert empfangen. - © Jewel Samad/afp
Keisuke Honda und Co. werden in ihrer Heimat begeistert empfangen. - © Jewel Samad/afp

Tokio. Staunen wandelte sich langsam in Freude: Die Außenseiter führten gegen die Favoriten aus Belgien mit 2:0, zeigten eine nahezu perfekt organisierte Mannschaftsleistung, eroberten im Minutentakt Bälle, fuhren schnelle Konter. Doch dann, ab der 69. Minute, sah Torwart Eiji Kawashima mal wieder ziemlich alt aus, fiel wie ein Bahnschranken, haltbare Bälle faustete er nur, die Mitte seines Tores ließ er frei, plötzlich stand es 2:2. In letzter Sekunde schossen die Belgier noch das 3:2, bei dem immerhin auch Kawashima keine Chance blieb. Ein Viertelfinaleinzug wäre für die Japaner der bisher größte WM-Erfolg gewesen, einer zudem, auf den das Land seit einigen Jahren sehnlichst wartet. So greifbar nah wie diesmal war der Traum noch nie.

Legendäre Spiele waren andere

Doch was auf diese sehr ärgerliche Niederlage folgte, war nicht etwa Ärger, sondern eine Hommage an romantische Verlierer. "Das Ausland lobt Japan", titelte die Tageszeitung "Nikkan Sports" am Mittwoch mit Bezug auf die Mannschaftsleistung. "Die Samurai Blue (Anm.: Spitzname der Nationalmannschaft) und ihre Fans erhalten Applaus für einen sauberen Auftritt und eine Niederlage mit Würde", schrieb die "Japan Times". Das "Mainichi Shimbun": "Wenn der Schmerz vergeht, wird Japan klarwerden, dass es eines der aufregendsten Spiele der WM geboten hat." Und auch das ansonsten messerscharf analytische "Asahi Shimbun", die nach Auflage zweitgrößte Zeitung der Welt, hob hervor: "Es hätte eine der größten Sensationen der WM-Geschichte werden können."

Eine ordentliche Überraschung wäre ein Sieg der Japaner gegen Belgien zwar gewesen. Aber wer darin die beinahe größte Sensation überhaupt riechen wollte, ignorierte ganz andere Spiele. Den Uruguayer 2:1-Sieg gegen Brasilien im Entscheidungsspiel 1950 zum Beispiel, der als Maracanazo in die Geschichte einging. Oder die 0:1-Niederlage Italiens gegen Nordkorea 1966, die in Italien schlicht als "Corea" bekannt wurde. Auch das 7:1 von Deutschland gegen Brasilien vor vier Jahren war deutlich schockierender. Brasilianer benutzen die Wörter für "7:1" (sete a um) seitdem als Synonym für "dumm gelaufen".

Dass eine belgische Niederlage gegen Japan irgendwo in den Sprachgebrauch eingegangen wäre, ist unwahrscheinlich. Zwar hat Belgien derzeit eine der stärksten Mannschaften der Welt und gilt als Mitfavorit auf den Titel, aber bei einer WM ist das Land bis auf einen dritten Platz 1986 in Mexiko noch nie weit gekommen. Zudem ist Japans Auswahl ebenso gespickt von Leistungsträgern europäischer Erstligisten. Doch weil es aus einer Perspektive auf Augenhöhe viel Kritik über das leichtfertige Verspielen des 2:0-Vorsprungs hätte hageln müssen, suhlt man sich im oft harmonieliebenden Japan lieber in der Rolle des Underdogs. Über die Leistung des Torwarts etwa, der das ganze Turnier über Unsicherheit ausstrahlte und mehrere Gegentore zu verantworten hatte, war in der japanischen Presse am Tag danach kaum ein Wort zu finden.