Nischni Nowgorod. (klh) Die ganze Bitterkeit eines solchen Augenblicks stand ihm ins Gesicht geschrieben: Uruguays Stürmerstar Edinson Cavani war nicht fit geworden für das Viertelfinale gegen Frankreich und konnte somit nur die Ersatzbank verstärken.

Für den Angreifer von Paris Saint-Germain und mit 28 Treffern Torschützenkönig der (ausgerechnet) französischen Liga wurde Cristhian Stuani im Sturm aufgeboten. Der hat zwar beim spanischen Mittelständler FC Girona auch eine ganz solide Saison gespielt, aber bei seinem ersten Schuss in der dritten Minute machte er gleich klar, dass er kein Cavani ist. Er verzog gleich einmal Richtung Outlinie. Und überhaupt zeigte sich schnell, dass ohne Cavani auch Barcelona-Star Luis Suárez sich schwer tut und dem Angriff die Durchschlagskraft fehlt, weshalb die Südamerikaner auch nur zu Halbchancen kamen.

Das war allerdings auch bei Frankreich zunächst nicht anders. Denn die Uruguayer beherrschen auch und vor allem Defensivarbeit und zeigten gleich, warum es so unangenehm ist, gegen sie zu spielen. Uruguay schenkt keinen Zentimeter her, spielt diszipliniert und auch mit viel Härte, die die Franzosen auch bei einigen derben Fouls zu spüren bekamen, bei denen der argentinische Schiedsrichter Nestor Pitana aber viel zu selten die gelbe Karte zeigte, weshalb diese auch kein Ende nahmen.

Das Team von Didier Deschamps war bemüht, sich nicht die Schneid abkaufen zu lassen. Sonst tat sich Frankreich zunächst schwer, was halt in der Natur des Gegners lag. Frankreich liebt den schnellen Gegenstoß, den Konter, doch im Gegensatz zu Argentinien schenkte Uruguay den Bleus dafür nicht den Raum. Diese probierten mit Geduld die Lücke im uruguayischen Abwehrriegel zu finden. Wenn sie diese auszumachen meinten, versuchten sie mit Einmal-Berühren-Kombination in den offenen Raum zu stoßen, doch man war dabei zu unpräzise. Und auch die Läufe von Jungstar Kylian Mbappé waren zwar wieder spektakulär, gingen aber zunächst ins Leere.

Standard und Torwartfehler sorgen für Entscheidung

Wenn nichts mehr nützt, gibt es bei dieser WM aber einen Ausweg, der immer wieder funktioniert: die Standardsituation. So war es auch in diesem Spiel. In der 39. Minute beförderte Raphaël Varane nach einer Freistoßflanke gekonnt den Ball mit dem Hinterkopf zum 1:0 ins Tor.

So ging es auch in die Pause, und das hatte Frankreich Tormann Hugo Lloris zu verdanken, der in der 43. Minute mit einer Glanztat einen Kopfball von Martín Cáceres (wieder so ein Standard) parierte. Der Rückstand, der erste für die Südamerikaner bei dieser WM, hatte freilich das Defensivkonzept von Uruguay durcheinander gebracht. Und es stellte sich für die Celeste in der zweiten Hälfte die Frage, wie weit sie gegen die pfeilschnellen Franzosen aufmachen, wie viele Spieler sie nach vorne ziehen sollte.

Die Antwort: Zunächst nicht zu viele und nach und nach mehr. Doch dann geschah etwas, das sowieso alle taktischen Überlegungen zur Makulatur macht: ein schwerer Tormannfehler.

In der 61. Minute erlebte Uruguays routinierter Torwart Fernando Muslera einen ganz schmerhaften Moment: Bei einem scharfen, aber zentralen Schuss von Antoine Griezmann rutschte ihm die Kugel durch die Hände. Griezmann, enger Freund von Uruguays Kapitän Diego Godín und überhaupt Liebhaber Uruguays, verzichtete auf den Torjubel.

Damit war das Spiel entschieden. Denn Kreativität und Einfallsreichtum zählen nicht zu den Stärken Uruguays. Es gab noch das eine oder andere Gerangel, das eine oder andere Scharmützel, aber keine spielerisch gefährliche Aktion der Südamerikaner.

Frankreich hat im wahrsten Sinne des Wortes die harte Nuss Uruguay geknackt, an der sich andere Teams schon die Zähne ausgebissen haben. Das Bestehen dieser nicht einfachen Prüfung sollte dem jungen Team Selbstbewusstsein für die kommenden Aufgaben geben.

Die Bleus dürfen strahlen, während sich bei Cavani wohl auch nach dem Match die finstere Miene nicht aufgehellt hat.