Moskau/Wien. (klh) Es war ein Moment, der dem Spiel noch einmal eine Wendung ab: Als Kolumbiens Innenverteidiger Yerry Mina sich bei einem Eckball in der 93. Minute hochschraubte und damit noch in letzter Sekunde mit einem Kopfballaufsetzer den Ausgleich im Achtelfinale gegen England erzielte. Die Engländer hatten sich schon im Viertelfinale gesehen, waren ob des Gegentores sichtlich geschockt und wankten speziell in der ersten Hälfte der Verlängerung enorm. Schließlich ging noch alles gut für sie aus, und sie siegten im Elfmeterschießen. Womit dieser Treffer auch sein Gutes für das Team von Trainer Gareth Southgate hatte: Der Barcelona-Verteidiger Minas hatte somit - freilich ungewollt und entgegen all seinen Intentionen - mitgeholfen, dass die Three Lions ihr Elfmetertrauma überwanden.

Der Treffer von Mina war in zweierlei Hinsicht typisch für diese WM: Er fiel, wie so viele andere Tore auch, nach einer Standardsituation. Und er wurde in der Nachspielzeit erzielt.

In den 56 Spielen bis zum Viertelfinale fielen nicht weniger als 19 Treffer in der Nachspielzeit. 11 davon waren spielentscheidend. Sie verwandelten ein Unentschieden in einen Sieg - wie etwa Belgiens 3:2 im Achtelfinale gegen Japan durch Nacer Chadli in der 94. Minute. Oder sie brachten einer Mannschaft, die hinten lag, noch den Ausgleich - ein Beispiel dafür ist das 2:2 von Spaniens Iago Aspas im letzten Gruppenspiel gegen Marokko.

Das ist auch einer der Gründe, warum so viele Tore in den Schlussminuten fallen - neben den Treffern in der Nachspielzeit klingelte es auch noch zehn Mal zwischen der 85. und 90. Minute. Das Spiel geht in seine entscheidende Phase, Teams, die in Rückstand sind oder den Sieg noch erzwingen wollen, riskieren nun mehr.

Das kann zweierlei Folgen haben: Entweder eine Mannschaft wird für ihre gesteigerten Offensivbemühungen belohnt. Das war beim 2:0-Sieg Brasiliens gegen Costa Rica der Fall, als die beiden Treffer durch Philippe Coutinho und Neymar in der Nachspielzeit fielen. Oder es passiert genau das Gegenteil: Das Team, das viele Spieler vorne hat, fängt sich einen Treffer ein, weil es eben nun hinten offen ist. Auf dramatische Weise zeigte sich das im Achtelfinale zwischen Belgien und Japan. Die Japaner wollten unbedingt den Siegtreffer und zogen gleich sieben Spieler bei ihrem letzten Eckball nach vorne. Deswegen hatten sie beim Konter der Belgier dann plötzlich nicht mehr genügend Akteure hinten und fingen sich durch den - allerdings auch perfekt gespielten - belgischen Konter das 2:3 ein.

Und dann gibt es noch die Binsenweisheit, dass beim Fußball viele Tor erst durch einen Fehler des Gegners ermöglicht werden. Und gerade am Ende des Spiels lässt oft die Konzentration nach, sind Beine und Kopf schon schwerer, es häuft sich die Fehlerquote. So vergaß Tunesien bei seiner Abwehrschlacht gegen England ausgerechnet beim letzten Corner, Torjäger Harry Kane zu decken, der prompt in der 91. Minute den 2:1-Siegtreffer erzielte.