Rote Jubeltraube. - © Luis Acosta/afp
Rote Jubeltraube. - © Luis Acosta/afp

Kasan. (art) Italien gar nicht dabei, Deutschland, Spanien und Argentinien früh ausgeschieden - für viele hatte sich Brasilien im Laufe dieser doch überraschenden Endrunde als einzig verbliebener Favorit herauskristallisiert. Die Brasilianer waren angetreten, um die Schmach von vor vier Jahren vergessen zu machen. Das 1:7 im Halbfinale der Heim-WM gegen Deutschland hatte arg am Selbstverständnis, die Sambatänzer unter den Fußballern zu sein, gekratzt. Dem Traum von der Hexa, dem sechsten WM-Titel, wurde alles untergeordnet. Geworden sind es zwar wesentlich bessere Leistungen als vor vier Jahren - aber Tränen sogar eine Runde früher als damals. Neymar und Co. mussten sich nach einem 1:2 gegen Belgien verabschieden, das nun im Halbfinale am Dienstag auf Frankreich trifft.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Brasilianer erstens ihr wohl bestes Spiel bei dieser WM zeigten und zweitens trotz Konsultation des Video-Schiedsrichters einen Elfmeter nach Foul von Vincent Kompany an Gabriel Jesus vorenthalten bekamen. Zu diesem Zeitpunkt (56.) stand es zwar schon 0:2 durch ein unglücklich zustande gekommenes Eigentor des erstmals in der Start-Elf befindlichen Fernandinho (13.) und einen herrlichen Treffer von Kevin De Bruyne (31.) nach einem Konter. Dass De Bruyne diesmal rechtsaußen in einer weitaus offensiveren Rolle agierte als zuletzt, machte sich hier bezahlt - allerdings offenbarten die Belgier in der Defensive auch ihre Schwächen, die man sich gegen die effizienten Franzosen wohl nicht wird leisten können.

In der zweiten Hälfte zündete Brasilien noch mehr den Turbo, griff an, kombinierte sich durch das Mittelfeld und in den Strafraum - und scheiterte immer wieder am fantastischen belgischen Tormann Thibaut Courtois. In der 76. Minute war Courtois allerdings geschlagen. Joker Renato Augusto stach nur drei Minuten nach seiner Einwechslung per Kopf. Dann wurde es in einer hitzigen Partie noch einmal richtig spannend. Nur eine Minute später vergab Firminho eine gute Chance zum Ausgleich, doch sein Versuch landete über dem Tor. Nach exakt 80 Minuten verfehlte ein Schuss von Augusto das Tor nur um wenige Zentimeter. In der Schlussphase drückten die Brasilianer vehement. Nachdem Neymar Philippe Coutinho ideal bedient hatte, traf der Angreifer vom FC Barcelona den Ball aus bester Position nicht richtig (84.). Auch die letzte Ausgleichschance brachte nichts ein. Courtois war bei einem Neymar-Schuss aufmerksam (94.). Wie die Superstars Argentiniens und Portugals, Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, muss sich damit auch Neymar vorzeitig verabschieden. Die Erinnerung an ihn bei dieser WM wird ambivalent sein: Zum einen zeigte er phasenweise große fußballerische Klasse, zum anderen haben ihn seine theatralischen Aufführungen bei jeder Berührung in die Kritik gerückt. Auch in der Schlussphase des Viertelfinales reklamierte er nach einem leichten Tätschler auf Elfmeter - vergeblich. Belgien jubelt unterdessen über das erste Halbfinale seit 1986 und will nun endlich dem Ruf, eine goldene Generation zu haben, gerecht werden. "Jeder will für sein Land etwas erreichen. Jeder will dieses Finale", sagte De Bruyne nach dem Spiel. Es klang entschlossen.