• vom 23.07.2018, 16:52 Uhr

Fußball

Update: 23.07.2018, 17:08 Uhr

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Ein Rücktritt als Politikum




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Nun zog dieser seine Konsequenzen, erklärte, nicht mehr in der Nationalmannschaft spielen zu wollen, und holte zum Rundumschlag gegen Medien, Sponsoren, die ihn hätten fallen lassen, sowie die DFB-Spitze, namentlich Präsiddent Reinhard Grindel, aus. "Ich will nicht länger als Sündenbock für seine Inkompetenz und seine Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu erledigen, herhalten", schrieb Özil am Sonntagabend in einem dreiteiligen Schreiben in den sozialen Medien. Dem DFB-Chef warf er vor, schon während dessen Zeit als (CDU-)Abgeordneter im deutschen Bundestag (2002 bis 2016) mit kritischen Äußerungen über Multikulturalismus rassistische Ressentiments bedient zu haben. Außerdem beschrieb er Drohungen und Beschimpfungen, denen er und seine Familie während der WM seitens der Öffentlichkeit ausgesetzt gewesen seien. Özils Fazit: Er müsse sich "schweren Herzens" aus der Nationalmannschaft verabschieden, so lange er das Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre. Das Foto an sich verteidigte er - es sei dabei aber nicht um Politik gegangen, sondern um "Respekt für das höchste Amt im Land meiner Familie". Jedem anderen, der dieses Amt inne gehabt hätte, hätte er dieselbe Ehrerbietung zuteil werden lassen, betonte Özil und beendete sein Schreiben mit: "Rassismus darf nie, nie akzeptiert werden". Die Reaktionen fielen geteilt aus - und lösen nun erst recht eine Debatte über Rassismus und Integration im Fußball und darüber hinaus aus. Während die SPD-Justizministerin Katarina Barley es als "Alarmzeichen" sieht, wenn "sich ein großer, deutscher Fußballer wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht mehr respektiert" fühle, wollte Annette Widmann-Mauz (CDU), die Integrationsbeauftragte der deutschen Bundesregierung, Özil nicht vollständig aus der Verantwortung entlassen: Bei "allem Verständnis für die familiären Wurzeln" müssten sich Nationalteamspieler auch Kritik gefallen lassen, "wenn sie sich für Wahlkampfzwecke hergeben", erklärte sie. Ambivalent sieht es auch Grünen-Politiker Cem Özdemir: "Özils Foto bleibt falsch, und die Erklärung überzeugt nicht. Mindestens ebenso desaströs ist das Agieren des DFB. Grindel zerhackt unsere Integrationsgeschichte", schrieb er auf Twitter. Der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger wiederum bedauert den Rücktritt Özils, den er stets als Vorbild gesehen habe, und ortete einen "schweren Rückschritt für die Integrationsbemühungen im Land über den Fußball hinaus".

DFB weist Vorwurf von sich
Merkel äußerte sich zurückhaltend. Über eine Sprecherin ließ die Kanzlerin ausrichten, sie schätze Özil sehr, er habe viel für die Fußball-Nationalmannschaft geleistet. Die Sprecherin betonte die integrative Kraft des Sports. Noch vager blieb CSU-Innenminister Horst Seehofer. Er wolle sich in interne Angelegenheiten des DFB nicht einmischen, sagte eine Sprecherin. Und der Verband selbst? Der wollte "im Sinne des "respektvollen Umgang(s) mit einem verdienten Nationalspieler ( . . . ) manche für uns in Ton und Inhalt nicht nachvollziehbare Aussage in der Öffentlichkeit unkommentiert lassen", wie es in einer Aussendung am Montagnachmittag hieß. Den Rassismus-Vorwurf weise man aber zurück: "Der DFB steht für Vielfalt." Doch die Diskussionen dürften damit noch nicht zu Ende sein.

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Dokument erstellt am 2018-07-23 16:59:13
Letzte Änderung am 2018-07-23 17:08:49


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