Graz. (rel/apa) Sensationen gehören im Europacup dazu, nur sind sie statistisch eher die Ausnahme. Im Fall von Sturm Graz trifft dies ganz besonders zu. Acht Mal lag der Klub seit 1970 in Qualifikations-, Gruppen- oder K.o.-Spielen nach Hinspielen mit 0:2 zurück - und konnten dieses nie aufholen. Ungeachtet dessen hoffen die Grazer im Rückspiel der Champions-League-Qualifikation gegen Ajax Amsterdam am Mittwochabend (20.45 Uhr) dennoch auf die große Wende. "Die Ausgangssituation ist sehr einfach: Wir müssen Ajax offensiv mehr fordern und dürfen kein Tor zulassen", meinte Günter Kreissl am Dienstag. Und: "Es gibt noch Chancen."

Nun ist Sturms Sportchef gern Visionär. Und dass er als solcher ein mögliches Erfolgsszenario vor Augen hat, erscheint nur logisch. "Egal, ob in der 5. oder 80. Minute: Wir müssen 1:0 in Führung gehen", sagte Kreissl und betonte: "Dann kommt vielleicht ein wenig der Stressfaktor für die Ajax-Spieler dazu, das Publikum ist da, so könnte es noch richtig spannend werden." Und was geschieht, sollte nicht den Grazern, sondern den Niederländern im Rückspiel das zu vermeidende Tor gelingen? "Dann wird es um ein ganzes Eckhaus schwieriger". Nachsatz: "Wir werden schauen, dass in Graz die Null steht."

"Worte müssen Taten folgen"


Viel anderes wird Sturm nicht übrig bleiben. Bei der Niederlage im Hinspiel fehlte den Steirern die Feinabstimmung, die Spieler ließen das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten vermissen, und dann war da noch ein Gegner, der "außerordentlich gut" (Kreissl) war. Allerdings gibt die "wertvolle" Erfahrung von Amsterdam Kreissl auch Zuversicht: "Oft hat man im Sport nur eine Chance - im Cup zum Beispiel. In diesem Fall kriegen wir eine zweite, um den Ausgang final noch zu korrigieren."

Goalie Jörg Siebenhandl hatte bereits nach dem Hinspiel betont: "Leicht wird es nicht, aber wir haben daheim schon oft mehrere Tore erzielt. Wir müssen die Chance nur ergreifen." Kreissls Seitenhieb dazu: "Es wäre schön, wenn die Spieler diese nicht nur in Worten, sondern auch in Taten ergreifen würden." Sturm trete keineswegs mit dem letzten Mute der Verzweiflung zum ausverkauften Entscheidungsspiel an. Man habe, so Kreissl, wie Ajax viel zu verlieren. "Für den Gewinner gibt es einen großen Preis, der heißt nächste Runde Champions-League-Qualifikation. Da wollen beide hin, für uns geht es um mächtig viel." Immerhin: Der Verlierer des Duells steigt in die dritte Runde der Europa-League-Qualifikation um.

Die nötige Kraft, um die Sensation zu schaffen, will Sturm unter anderem aus dem 3:2-Erfolg gegen Hartberg am Sonntag zum Ligaauftakt schöpfen, bei dem die Grazer laut Kreissl "Geduld, hohe Frustrationstoleranz und Willen" bewiesen hätten. Diese Attribute gilt es nun gegen Ajax abzurufen, die vergangenen Tage waren aber kräfteraubend. "In der Amsterdamer Arena ging die Luft gar nicht raus, gegen Hartberg war es richtig heiß. Wir haben in den letzten Tagen schon enormen physischen Aufwand treiben müssen", erklärte Kreissl.

Allerdings wird das Wetter am Mittwoch als Ausrede nicht genügen, leiden doch auch die Niederländer aktuell unter großer Hitze. Mit Blick auf das Rückspiel waren die Gäste vor ihrer Abreise nach Graz guter Dinge. "Wir haben eine gute Ausgangsposition", sagte etwa Ajax-Trainer Erik ten Hag, der allerdings in der Offensive vor einer schweren Entscheidung steht. Neuzugang Dusan Tadić, nach der WM mit Serbien im Hinspiel noch eingewechselt, drängt ins Team. Wer für den Offensivstar aus der Startformation weichen muss, war am Dienstag noch offen.