• vom 29.08.2018, 18:31 Uhr

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"Es war fast arrogant"




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  • Zwei Monate nach dem deutschen WM-Desaster zeigte sich Teamchef Joachim Löw selbstkritisch - und zog Konsequenzen.

Hat den Nimbus des deutschen Erfolgstrainers derzeit eingebüßt: Jogi Löw. - © reuters/Dalder

Hat den Nimbus des deutschen Erfolgstrainers derzeit eingebüßt: Jogi Löw. © reuters/Dalder

München. Joachim Löw hat seine Aufarbeitung der Fußball-WM mit Nachspielzeit absolviert. 110 Minuten dauerte die öffentliche Aufarbeitung der WM-Blamage der deutschen Nationalmannschaft am Mittwoch in München. Der Teamchef übte wie Teammanager Oliver Bierhoff Selbstkritik in vielen Bereichen. Als Konsequenz versetzte Löw seinen Assistenten Thomas Schneider und strich Ex-Weltmeister Sami Khedira aus dem Aufgebot.

Der 58-Jährige räumte bei seinem ersten öffentlichen Auftritt zwei Monate nach dem desaströsen Vorrunden-Aus eigene Fehleinschätzungen ein. "Mein allergrößter Fehler war, dass ich geglaubt habe, dass wir mit unserem dominanten Stil durch die Vorrunde kommen. Wenn wir dieses Spiel spielen, müssen alle Rahmenbedingungen stimmen, damit wir dieses hohe Risiko auch tolerieren können. Diese Rahmenbedingungen haben in diesen Spielen bei uns nicht gepasst", sagte der Bundestrainer. "Es war fast schon arrogant. Ich wollte das auf die Spitze treiben und es noch mehr perfektionieren."


Bierhoff sah das Fehlen der richtigen Einstellung als einen Hauptgrund für das historische Scheitern in Russland. Erstmals bei einer WM schied ein DFB-Team schon nach der Vorrunde aus. "Wir sind selbstgefällig aufgetreten, wir haben die Unterstützung der Fans für zu selbstverständlich gehalten", sagte Bierhoff. Man habe gedacht, dass das ein Selbstläufer sei.

"Von Özil enttäuscht"
Die sportliche Leitung habe aber auch vor und während der WM das Thema Mesut Özil "absolut unterschätzt", räumte Löw ein. "Wir dachten, dass wir das Thema aus der Welt schaffen mit dem Treffen beim Bundespräsidenten. Mein einziger wichtiger Gedanke war, uns richtig auf die WM vorzubereiten", sagte der Badener zu den umstrittenen Fotos von Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Letztlich habe das Ganze die Mannschaft in Russland aber aufgerieben: "Dieses Thema hat Kraft gekostet, dieses Thema war nervenaufreibend, weil es immer wieder da war", sagte Löw.

Özils Rassismusvorwürfe gegenüber dem DFB wies der Teamchef aber strikt zurück. "Mit seinem Vorwurf über Rassismus hat Mesut ganz einfach auch überzogen. Es gab nie in der Mannschaft auch nur einen Ansatz von Rassismus, keinen Ansatz von rassistischen Äußerungen", sagte Löw. Er bemängelte zudem die Art und Weise, wie der Nationalspieler seinen Rücktritt erklärt hatte. Özil habe ihn nicht persönlich über seinen Abschied aus der DFB-Elf informiert, bisher habe er vergeblich mit ihm das Gespräch gesucht. "Es ist mir nicht gelungen, ihn ans Telefon zu bekommen", meinte Löw. Nachsatz: "Es war eine Enttäuschung in mir, dass ich den Rücktritt nicht von ihm persönlich erfahren habe." Insgesamt halte er Özil nämlich für einen "der besten deutschen Spieler der vergangenen 20, 30Jahre": "Wir haben viel zusammen erlebt und das wird immer bleiben."

Eine Nichtberücksichtigung von Gündogan sei für den Teamchef indes kein Thema gewesen. "Ich sehe in ihm einen Spieler, der den Durchbruch bei uns schafft. Sportlich war es für mich keine Frage, ihn einzuladen", sagte Löw. Und er appellierte an die Fans, den Profi von Manchester City nicht mehr auszupfeifen. "Ich hoffe auf das Verständnis von allen Fans. Er hat unter der Situation sehr gelitten", sagte Löw und fügte hinzu: "Ilkay hat sich nochmals bekannt zu den deutschen Werten, zur Mannschaft."

Der Weltmeister wartet
Konsequenzen gab es für andere Teammitglieder. Der bisherige Assistent Schneider soll zukünftig die Scouting-Abteilung des DFB leiten. Dass Khedira nicht mehr dabei ist, hatte sich bereits angedeutet. Löw sagte zu seiner Entscheidung gegen Khedira: "Ich habe ihm gesagt, dass ich jetzt Raum und Platz schaffen möchte auf dieser Position. Wir sprechen zu gegebener Zeit weiter." Auch der Betreuerstab wird künftig verkleinert. Im Vergleich zum WM-Aufgebot werden demnach elf, im Vergleich zu normalen Länderspielen sieben Personen weniger im Einsatz sein, erklärte Bierhoff.

Die Deutschen spielen am 6.September in der Nations League gegen Frankreich und drei Tage später in einem Testspiel gegen Peru.




Schlagwörter

Fußball, DFB, Jogi Löw

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-29 16:23:54
Letzte Änderung am 2018-08-29 16:30:25


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Wir wollen keine gestriegelten Typen

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