Paris. Spätestens als der italienische Stürmer Graziano Pellè in der Nachspielzeit den Ball zum 2:0 ins Netz vollierte, schien alles Negative, was im Vorfeld über die als "Altherrenmannschaft" verschmähten Azzurri zu hören war, wie weggeblasen. Die Euphorie ist mit jener, als Italien 2006 am Weg zum Weltmeistertitel war, aber nicht zu vergleichen. Einerseits, weil die wenigsten Tifosi für die international eher unbekannten Spieler wie Eder, Pellè oder Candreva derart schwärmen können, wie sie dies einst für Ausnahmekönner wie Totti, Pirlo und Del Piero taten. Der größte Grund für die fehlende, flächendeckende Begeisterung liegt jedoch in den schwerwiegenden Problemen des italienischen Fußballs begraben.

Dass Italien im Auftaktspiel gegen Belgien mit der ältesten Mannschaft der EM-Geschichte einlief, sorgte für Schlagzeilen. Teamchef Antonio Conte holt aus den vorhandenen Möglichkeiten aber das Bestmögliche heraus. Und das Vorhandene ist in Italien, auf höchstem Level, vorwiegend alt. Der Mangel an jungen Talenten ist struktureller Natur. "Das Problem des Calcio ist seine schlechte Führung. Und zwar auf allen Ebenen", sagt Marco Bonetto von der Turiner Tageszeitung "Tuttosport". Für ihn sind die Erfolge des Nationalteams nicht nur positiv. Natürlich hat sich Bonetto, der für seinen Arbeitgeber aus Frankreich berichtet, über Italiens Viertelfinaleinzug gefreut. Der Journalist befürchtet aber, dass die ohnehin stockende Entwicklung des italienischen Fußballs dadurch weiter gebremst wird.

Eines der gravierendsten Symptome des kränkelnden Calcio ist die fehlende Plattform für junge Spieler. Anders als in Spanien, England oder Deutschland gibt es in Italien keine Reserveteams. Den Talenten fehlt die Möglichkeit, auf Wettkampfniveau zu bestehen. "Die jungen Spieler können sich in Italien nicht entwickeln", sagt Bonetto. "Juventus hat versucht, eine Meisterschaft für Reserveteams einzuführen. Die Mehrheit der anderen Klubs lehnte dies aber aus Kostengründen ab."

Es gibt zwar eine "Primavera"-Meisterschaft, die ist allerdings für die Jugendauswahlen der Vereine, in denen nur Spieler unter 19 Jahren zum Einsatz kommen. "Das ist kein nützlicher Bewerb, der Talente entsprechend fördert", sagt Bonetto. Die allgemeine Wirtschaftslage hat den italienischen Fußball hart getroffen. "Das Problem ist, dass unser Fußball nicht von modernen Geschäftsleuten, sondern von alten Herrschern betrieben wird. Es gibt wenig Merchandising, wenig Marketing, aber hohe Schulden", sagt Bonetto. Die AS Roma musste erst kürzlich aufgrund ihrer finanziellen Probleme ihren besten Spieler, Miralem Pjanic, an Juventus verkaufen. "Das ist, als ob der beste Spieler von Real Madrid zu Barcelona wechseln würde", sagt der 46-jährige Journalist. "Von den großen Klubs hat nur Juventus verstanden, wie der moderne Fußball funktioniert. Sie führen den Verein ähnlich wie Bayern München."