• vom 12.06.2018, 09:00 Uhr

Fußball-WM 2018


Fußball-WM

Was zu beweisen war




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Von Christian Mayr

  • Der umstrittene Videobeweis steht bei der WM in Russland im Fokus - wie und ob er funktioniert, ist völlig offen.

Der VAR-Room (Video Assistant Referee) dürfte bei der WM in Russland noch für viel Zündstoff sorgen. - © afp/Antonov

Der VAR-Room (Video Assistant Referee) dürfte bei der WM in Russland noch für viel Zündstoff sorgen. © afp/Antonov

Wien. "Quod erat demonstrandum" - "Was zu beweisen war" - pflegt der des Lateinischen kundige Mathematiker zu sagen, wenn er seine Beweisführung erfolgreich abschließt: Klare mathematische Formeln, klare Ergebnisse, ein klarer Beweis. Doch seit Letzterer auch beim Fußball eingesetzt wird, ist das Spiel für viele alles andere als klarer geworden, sondern vielmehr kompliziert und mitunter chaotisch. Die bisherige Bilanz des Videobeweises ist nach etlichen Testläufen in ausgewählten Ligen und bei singulären Turnieren bestenfalls durchwachsen - und wenn es bis jetzt was zu beweisen galt, dann nur dies, dass der Videobeweis sicher keine eindeutigen Ergebnisse bringt, wie sich die Fans das von ihm erwartet haben. Daher ist die Spannung vor dem erstmaligen Einsatz des Video-Referees bei einer WM entsprechend groß.

Die Fifa unter Federführung von Präsident Gianni Infantino hat zumindest keine Kosten und Mühen gescheut, damit das offiziell Video-Assistenz-Schiedsrichter (VAR) genannte System reibungslos funktionieren kann. Jedes Spiel zwischen 14. Juni bis 15. Juli wird von Viererteams in einem Kontrollraum (sinnigerweise VAR-Room genannt) überwacht, wobei nur einer dieser Referees mit dem Kollegen auf dem Spielfeld kommuniziert. Zwei Assistenten wiederum sind nur für das schnelle Auffinden und Bewerten strittiger Spielsituationen aus verschiedenen Blickwinkeln zuständig; und der vierte Video-Referee agiert als klassischer Linienrichter, der vor allem Abseitsstellungen im Auge hat. Insgesamt wird es bei den Titelkämpfen 13 Video-Schiris geben, alle unter der Leitung von Fifa-Schiedsrichterchef Massimo Busacca, der das Projekt naturgemäß lobt. "Es war gut, dass wir den Videobeweis eingeführt haben." Gleichzeitig schraubt er nach den mitunter ernüchternden Tests und dem ziemlich in die Hose gegangenen Confed-Cup vor einem Jahr die Latte weit nach unten: "Das Ziel ist nicht, dass wir zu 100 Prozent richtige Entscheidungen erreichen, sondern dass wir einen Skandal verhindern." Ähnlich klingt auch sein Boss, der Werte wie mehr Gerechtigkeit gar nicht mehr in den Mund nehmen mag: "Noch ist nicht alles perfekt, aber wir werden sicherlich keine wirklich schlimmen Fehler erleben, wie beispielsweise ein übersehenes Abseits von drei Metern oder eine Elfmeter-Entscheidung nach einem Foul außerhalb des Strafraums", so Infantino.


31 Videoschiri-Exoten
Tatsächlich lehrt die WM-Geschichte, dass die Quote an abstrusen Schiedsrichter-Fehlentscheidungen beim globalen Kräftemessen immer besonders hoch ist: Weil dort viele Exoten-Schiris, die das Tempo des internationalen Kicks nicht gewöhnt sind, agieren dürfen, meinen die einen; weil das Großereignis die Männer mit den Pfeifen überfordert, die etwas milder gestimmten anderen. Fakt ist, dass nun in Russland die Exoten-Quote deutlich anschwellen wird, weil von den 35 geladenen Referees überhaupt nur vier regelmäßig in Ligen pfeifen, in denen der Videobeweis in jedem Match zum Einsatz kommt: nämlich Felix Brych (D), Mark Geiger, Jair Marrufo (beide USA) und Gianluca Rocchi (It). Wie sich die 31Schiedsrichter im Blickfeld der Weltöffentlichkeit mit der fremden Materie Videobeweis tun werden - mit dem Knöpferl im Ohr, dem Hinweis von außen ob einer Fehlentscheidung, der Möglichkeit, sich die Szene noch einmal am Spielfeldrand anzusehen, sowie dem inneren Konflikt der Revidierung einer eigenen Entscheidung -, darf mit Hochspannung erwartet werden.

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Schlagwörter

Fußball-WM, Videobeweis, Russland

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Dokument erstellt am 2018-06-11 16:55:20



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