• vom 14.06.2018, 09:00 Uhr

Fußball-WM 2018

Update: 14.06.2018, 09:39 Uhr

Fußball-WM

Die Angst vor dem Eröffnungsspiel




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Von Christian Mayr

  • Russland zittert dem Spiel gegen Saudi-Arabien entgegen - denn es hat zum Start schon Größere erwischt.

Darf das wahr sein? Omam Biyik steigt in den ersten Stock hoch und köpfelt Kamerun 1990 zum sensationellen 1:0-Sieg gegen Argentinien im WM-Eröffnungsmatch.

Darf das wahr sein? Omam Biyik steigt in den ersten Stock hoch und köpfelt Kamerun 1990 zum sensationellen 1:0-Sieg gegen Argentinien im WM-Eröffnungsmatch.© afp Darf das wahr sein? Omam Biyik steigt in den ersten Stock hoch und köpfelt Kamerun 1990 zum sensationellen 1:0-Sieg gegen Argentinien im WM-Eröffnungsmatch.© afp

Moskau/Wien. Der Cup hat bekanntlich eigene Gesetze. Genauso wie Derbys. Doch die Fußballweisen kennen noch einen dritten Fall, bei dem die Gesetzmäßigkeiten der rollenden Kugel oft außer Kraft gesetzt werden können - WM-Eröffnungsspiele. Wenn am frühen Donnerstagabend (17Uhr/ORFeins) im Moskauer Luschniki-Stadion der Startschuss zur 21.Fußball-Weltmeisterschaft fällt, wird daher die Angst der klar favorisierten Gastgeberelf entsprechend groß sein, dass Auftaktgegner Saudi-Arabien zum Stolperstein und WM-Stimmungskiller in einem wird. Denn außer den mauen Darbietungen der Sbornaja in der Vorbereitung (zuletzt 0:1 in Österreich und 1:1 gegen die Türkei) lastet die Historie der Eröffnungsspiele schwer auf den Schultern der Russen. Bei ebendiesen wurden schon viele haushohe Favoriten ganz oder zumindest teilweise zum Straucheln gebracht.

Vor vier Jahren in Brasilien etwa wäre der Rekordweltmeister zum Auftakt gegen Kroatien beinahe ausgerutscht - nach 0:1-Rückstand gab es am Ende dank kräftiger Mithilfe des Schiedsrichters (Elfmetergeschenk) einen glanzlosen 3:1-Erfolg. Auch 2010 in Johannesburg war der Gastgeber Südafrika beim 1:1 gegen Mexiko noch gut bedient - zwei Partien später stand das Aus der so zuversichtlich ins Turnier gegangenen Bafana Bafana aber fest. Nicht zu vergessen, wie sehr sich selbst die Turniermannschaft schlechthin, nämlich Deutschland, 2006 im eigenen Land lange Zeit gegen den krassen Außenseiter Costa Rica beim 4:2-Erfolg in München abmühte - trotz Philipp Lahms Kreuzeckschuss nach sechs Minuten, der eigentlich alle Fesseln hätte lösen müssen. Beim Auftakt in Deutschland durfte übrigens wieder der Gastgeber die Titelkämpfe eröffnen - zuvor (ab 1974) ward diese Ehre den jeweiligen Weltmeistern zuteil. Und diese plattelte es in ihren Auftaktmatches mitunter gehörig auf.

Papa Diop & Omam Biyik

Papa Bouba Diop legte nicht wirklich eine großartige Fußballerkarriere hin - aber der senegalesische Mittelfeldspieler schaffte es immerhin zum globalen Star genau eines Abends: Als er nämlich am 31. Mai 2002 in Seoul bei der WM-Eröffnung in Minute 30 den Ball über die Linie quetschte - und sämtliche Tricolore-Welt- und Europameister - von Fabien Barthez bis zu Thierry Henry (Zinédine Zidane fehlte verletzt) - schockierte. Frankreich verliert gegen den afrikanischen WM-Debütanten aus Senegal mit 0:1! Kurz darauf war auch das Kapitel Titelverteidigung abgehakt - letzter Gruppenplatz hinter Dänemark, Senegal und Uruguay.

Unbekannte Afrikaner, die sensationell den Weltmeister düpieren - diese Story gab es auch schon 1990. Als der Kameruner Omam Biyik beim Eröffnungsspiel im Mailänder San Siro in Minute 67 unwiderstehlich in die Luft steigt, steht den argentinischen Verteidigern nicht bloß ob dieser Sprungkraft der Schrecken ins Gesicht. Offenbar sahen sie das Unheil auf sich zukommen, das dann Goalie Nery Pumpido vollbrachte, indem er den Ball durch die Hände flutschen ließ. Am Ende halfen den Gauchos weder Diego Maradonas Fußballkünste noch zwei Mal Rot für die tapfer, aber brutal verteidigenden Afrikaner - das Auftaktmatch war blamabel verloren gegangen. Zum Trost gab’s am Ende immerhin ein Finalticket, die Kameruner wiederum schafften es bis ins Viertelfinale.

Auch schon 1982, vier Jahre nach dem ersten Titelgewinn, verpatzten die Argentinier ihren WM-Auftakt, als man Belgien im Camp Nou mit 0:1 unterlag. Auch Brasiliens 0:0 gegen Jugoslawien 1974 in Deutschland sowie Italiens 1:1 gegen Bulgarien anno 1986 im Mexiko darf man den eigenen WM-Eröffnungsspiel-Gesetzen zuordnen. Mit einem blauen Auge sind indes Deutschland 1994 (1:0 über Bolivien) und Frankreich 1998 (2:1 gegen Schottland) davongekommen.

Russen "fürchten sich nicht"

Und nun 2018 die Russen. Auf dem Papier ist die vom Ex-Tiroler Stanislaw Tschertschessow gecoachte Sbornaja gegen Saudi-Arabien - erstmals seit 2006 bei einer Endrunde dabei - Favorit. Doch die schlechte Vorbereitung und die frühen Ausscheiden bei bisherigen WM- und EM-Endrunden haben den Optimismus gedämpft. "Wir fürchten uns nicht, sondern sind bereit für dieses wichtige erste Spiel. Wir werden sehr gut vorbereitet sein", versprach Tschertschessow. Nachsatz: "Wir gewinnen, weil wir wollen." Das möchten die Gegner von der arabischen Halbinsel freilich auch, die zuletzt in Deutschland mit frechem Spiel ein 1:2 erreicht haben. Übrigens wäre eine Russen-Pleite so sensationell wieder nicht: Laut Fifa-Arithmetik liegt Russland aktuell nämlich nur auf Rang 70 der Weltrangliste - Saudi-Arabien drei Plätze davor.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-13 17:13:23
Letzte Änderung am 2018-06-14 09:39:26



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Den VAR mag man eben . . .

Wenn jemand die Geste markenrechtlich geschützt hätte (so dies überhaupt möglich ist), hätte die Fifa bei dieser Weltmeisterschaft ordentlich zu... weiter







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