• vom 13.06.2018, 17:37 Uhr

Fußball-WM 2018

Update: 13.06.2018, 17:49 Uhr

Fußball-WM

Die rote Furie - der Name ist Programm




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Von Tamara Arthofer

  • Vor dem WM-Auftakt Spaniens gegen Portugal regieren die internen Turbulenzen.

Fernando Hierro soll retten, was zu irgendwie noch zu retten ist. Julen Lopetegui musste als Teamchef gehen.

Fernando Hierro soll retten, was zu irgendwie noch zu retten ist. Julen Lopetegui musste als Teamchef gehen.© Valery Hache/afp und Philippe Marcou/afp Fernando Hierro soll retten, was zu irgendwie noch zu retten ist. Julen Lopetegui musste als Teamchef gehen.© Valery Hache/afp und Philippe Marcou/afp

Krasnodar/Madrid. Es gibt Sportmannschaften, die haben so skurrile Beinamen, dass niemand weiß, wie sie je zustande gekommen sind. Bei Spaniens Nationalteam ist der Name "Furia Roja" aber offenbar Programm - zumindest in diesen Tagen. Nachdem Real Madrid am Dienstagabend überraschend bekanntgegeben hatte, dass Julen Lopetegui Zinédine Zidane nach der Weltmeisterschaft als Trainer beerben wird, wurde Luis Rubiales, Präsident des spanischen Verbandes RFEF, zur rotsehenden Furie. Nach außen gelassen, innerlich aber wohl fuchsteufelswild erklärte er am darauffolgenden Tag - nur etwas mehr als 48 Stunden vor dem ersten Auftritt in Gruppe B gegen Portugal in Sotschi (20 Uhr MESZ) - die sofortige Demission Lopeteguis als Teamchef. Sportdirektor Fernando Hierro, dessen Trainererfahrung sich auf einen Zweitligisten beschränkt, übernimmt die Betreuung der Mannschaft.

"Wir danken Julen für alles, was er getan hat. Er ist ein wichtiger Grund, warum wir jetzt hier sind. Aber wir fühlen uns verpflichtet, auf seine Dienste zu verzichten", erklärte Rubiales. Und weiter: "Es muss eine Botschaft an alle Mitarbeiter des RFEF geben. Es gibt gewisse Verhaltensregeln, an die man sich halten muss." Dazu gehöre eben, dass der Arbeitgeber eingebunden werden müsse - was in diesem Fall nicht geschehen sei.


Dass die Bekanntgabe des Wechsels zum Champions-League-Sieger die Spanier auf dem falschen Fuß erwischt hatte, war schon am Dienstagabend offensichtlich. Keine Meldung ist schließlich auch eine. Denn während Personalia in dieser Dimension laut einem inoffiziellen Ehrenkodex in Abstimmung aller Beteiligten erfolgen, preschte Real in der Causa vor. Bis der spanische Verband reagierte, dauerte es geschlagene 50 Minuten. Lopetegui habe von seiner Ausstiegsklausel Gebrauch gemacht, hieß es dann in einer dünnen Mitteilung. Rubiales habe selbst erst fünf Minuten davor durch einen Telefonanruf davon erfahren, sagte er am Mittwoch. Zudem beklagte er sich, dass Lopetegui offenbar während der WM-Vorbereitungen mit den Madrilenen verhandelt habe. "Wir haben ein spanisches Nationalteam, das alle Spanier repräsentiert, es ist das wichtigste Team, das wir haben, und die WM ist die wichtigste Bühne."

Risse im Team
Doch es ist nicht das erste Mal, dass diese Einheit gestört ist und Wickel innerhalb der Mannschaft als Komödiantenstadl auf dieser Bühne aufgeführt werden. Immer wieder brechen die Gräben zwischen den Lagern der beiden größten Klubmannschaften des Landes, den Erzrivalen Real Madrid und FC Barcelona, auf. In Zeiten katalanischer Unabhängigkeitsbestrebungen wird dies noch stärker deutlich. Die Erfolge bei den Europameisterschaften 2008 und 2012 sowie der Weltmeisterschaft 2010 fungierten als sportlicher Kitt.

Dem großen Rausch der unter Vicente Del Bosque eingefahrenen Titel folgte aber 2014 die noch größere Ernüchterung: Ein 1:5 im Auftaktspiel gegen die Niederlande, bei denen diese das davor berühmt-berüchtigt-bewunderte Kurzpassspiel der Iberer mit schnellem Umschaltspiel ganz einfach aushebelten und so das Verschlafen mancher Fußball-Entwicklung bei den Spaniern schonungslos aufdeckten, war der Anfang vom Ende; die so stolzen amtierenden Weltmeister wurden mit hängenden Köpfen nach der Vorrunde nach Hause geschickt. Bei der EM zwei Jahre darauf überstanden sie zwar die Gruppenphase, im Achtelfinale war aber gegen starke Italiener Schluss. Mittlerweile haben sich die Zeiten geändert: Während die Azzurri in Russland durch Abwesenheit glänzen, hat Spanien unter Del Bosques Nachfolger Lopetegui in die Erfolgsspur zurückgefunden. In 20 Spielen blieb die Furia Roja ungeschlagen; vor Turnierbeginn zählte man wieder zu den Favoriten. Nach dem Spiel gegen Europameister Portugal mit (Real-)Star Cristiano Ronaldo trifft man in Gruppe B noch auf Iran und Marokko, ein Scheitern in der Gruppenphase wäre fatal - und würde wohl auch Lopetegui angelastet werden. Ob er sich damit viele Freunde in Madrid machen würde, ist ungewiss. Schon jetzt reagierten spanische Medien verstört. Zum einen irritierte der Zeitpunkt der Verkündung, zum anderen die Tatsache, dass der frühere Nachwuchscoach bisher als Klub-Trainer, der nun einem dreifachen Champions-League-Sieger nachfolgt, keine besonderen Erfolge vorweisen konnte. So schnell werden die Turbulenzen wohl nicht enden.




Schlagwörter

Fußball-WM, WM 2018, Spanien, Portugal

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-13 17:43:26
Letzte Änderung am 2018-06-13 17:49:11



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