• vom 11.07.2018, 16:54 Uhr

Fußball-WM 2018


Fußball-WM

An Frankreichs Mauer zerschellt




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  • Bei Belgiens Spielern war der Frust nach der Niederlage gegen Frankreich groß. Sie beklagten die Spielweise des Gegners.

Frankreichs Abwehr - im Bild Rapha l Varane (r.) - nahm Romelu Lukaku 90 Minuten in die Mangel. - © apa/afp/Gabriel Bouys

Frankreichs Abwehr - im Bild Rapha l Varane (r.) - nahm Romelu Lukaku 90 Minuten in die Mangel. © apa/afp/Gabriel Bouys

St. Petersburg/Wien. (klh) Sie waren keine Tiefstapler. Das ganze Turnier über haben belgische Spieler kein Geheimnis daraus gemacht, was ihr Ziel bei dieser WM ist: der Titel oder zumindest das Finale. Sie ließen dabei auch oft sämtliche Relativierungen weg, derer sich Fußballer gerne bedienen. Etwa dass dafür alles optimal laufen muss oder man immer auch ein wenig Glück benötigt. "Wir sind noch nicht fertig mit dem, was wir erreichen wollen", hatte Kevin De Bruyne nach dem überragenden 2:1-Viertelfinalsieg gegen Brasilien klipp und klar gesagt.

Dementsprechend groß waren Enttäuschung und Frust nach der 0:1-Niederlage im Semifinale gegen Frankreich. Und so mancher rote Teufel verdammte den Gegner, warf diesem eine unehrenhafte Spielweise vor. "Es ist eine Schande für den Fußball, dass Frankreich dieses Spiel gewonnen hat", schimpfte Goalie Thibaut Courtois im belgischen TV.


"Es ist einfach frustrierend, Frankreich hat nichts für das Spiel gemacht, sie haben mit elf Spielern vor dem eigenen Tor verteidigt." Frankreichs Samuel Umtiti war in einem von Taktik geprägten Spiel kurz nach Seitenwechsel bei einem Eckball zur Stelle. "Es ist ihr Recht, so zu spielen. Schon gegen Uruguay haben sie nur zweimal auf das Tor geschossen und dabei von einem Tormann-Fehler profitiert", sagte Courtois. Sein Team- und Klubkollege von Chelsea, Eden Hazard, ergänzte: "Ich würde lieber mit diesem belgischen Team verlieren als mit diesem französischen gewinnen." Teamchef Roberto Martínez zeigte sich gefasster. "Es war ein enges Spiel mit wenigen Torszenen. Heute hat eine Standardsituation den Unterschied ausgemacht."

Tatsächlich hatte Belgien 60 Prozent Ballbesitz und Frankreich sehr defensiv gespielt. Man kann aber auch einfach von einer geschickten Taktik sprechen. Die Bleus zogen sich weit zurück, ließen wenig Raum und beraubten so die Belgier ihrer herausragenden Fähigkeit: des schnellen Gegenstoßes, mit dem das Offensivtrio Kevin De Bruyne, Eden Hazard und Romelu Lukaku noch die brasilianische Abwehr in einem Spielrausch auseinandergenommen hatte. Gegen Frankreich bekamen die Belgier nicht die Gelegenheit zum Konter, sie mussten die Lücke suchen.

Was wiederum dadurch erschwert wurde, dass die Équipe Tricolore eine ungemein starke Mannschaftsleistung bot, die Bleus waren hochkonzentriert und machten fast keinen Fehler. Bestes Beispiel dafür war der Abnützungskampf, den sich die Innenverteidiger Umtiti und Raphaël Varane mit Lukaku lieferten. Sie bedrängten den wuchtigen Stürmer über 90 Minuten derart, dass Lukaku, der in den Spielen davor durch die gegnerischen Abwehrreihen marschiert war, an der französischen Mauer zerschellte.

Der Coach denkt schon an die Europameisterschaft
Die Belgier kamen - so wie Frankreich, das dann aber doch einmal traf - nur zu wenigen Chancen. Und die paar, die sie hatten, vergaben sie. Hier kam vielleicht doch hinzu, dass ein WM-Halbfinale auch für routinierte Profis eine einmalige Chance, aber auch eine Ausnahmesituation darstellt - sowohl in Bezug auf die Qualität des Gegners als auch in Bezug auf die eigene Psyche. De Bruyne vergab seine zwei Möglichkeiten in der zweiten Hälfte in einer Manier, die für ihn sehr untypisch ist: Einmal traf er den Ball nicht richtig, einmal schoss er weit über das Tor. Hier kann zumindest vermutet werden, dass der Manchester-City-Akteur in einem Ligaspiel gegen AFC Bournemouth so eine Aktion anders abgeschlossen hätte.

De Bruyne wird ebenso wie Hazard bei der nächsten WM in Katar 2022 jenseits der 30 sein. Und von Routiniers wie etwa Vincent Kompany (Jahrgang 1986) und Marouane Fellaini (1987) steht bald der Abschied bevor. In Belgien ist daher nun die Diskussion entbrannt, ob die goldene Generation die letzte Chance auf einen Titel verpasst hat. Coach Martínez sieht das nicht so: "Ich habe die Europameisterschaft 2020 schon im Hinterkopf", verkündete der Spanier, der auch darauf verwies, dass in Belgien viele Talente nachrücken.

Das belgische Team hat bei dieser WM ohnehin viel erreicht. Nicht nur ist es ins Halbfinale eingezogen, es hat in dem immer wieder zwischen Flamen und Wallonen gespaltenen Land auch für ein Gefühl der Einheit gesorgt. "Die Spieler haben bewiesen, dass Belgien tatsächlich eine Nation ist", schrieb die Zeitung "La Derniere Heure". Premier Charles Michel bedankte sich auf Twitter bei den Spielern "dafür, uns so zum Mitfiebern gebracht zu haben".




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Dokument erstellt am 2018-07-11 17:01:53



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