• vom 11.07.2018, 17:23 Uhr

Fußball-WM 2018

Update: 11.07.2018, 19:16 Uhr

Fußball-WM

Enthusiastisch ins Finale




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Von WZ-Korrespondentin Birgit Holzer

  • Der Finaleinzug der Bleus verwandelt das Land in einen riesigen Fußball-Fanklub - nostalgische Erinnerungen an den legendären Sieg 1998 werden wach.

Paris wird zur Partyzone.

Paris wird zur Partyzone.© Charles Platiau/Reuters Paris wird zur Partyzone.© Charles Platiau/Reuters

Paris. Auf einen Camembert lässt sich wunderbar mit schwarzer Lebensmittelfarbe das Muster eines Fußballs zeichnen - die kreative Verkaufsidee eines Käseladens in Paris. Ein Bäcker im westfranzösischen Bonchamp bestreicht seine Baguettes in den Farben der Trikolore, Blau-Weiß-Rot. Auch französische Schokoladenhersteller und Konditoren lassen sich derzeit zu thematisch passenden Kreationen hinreißen, um ihre Begeisterung über das Erreichen des WM-Finales der Bleus am Sonntag auszudrücken - und jene ihrer Kunden für sich zu nutzen. Seit dem 1:0-Sieg der französischen Nationalelf gegen die belgische Mannschaft am Dienstagabend herrscht Feierstimmung im ganzen Land.

Frankreich-Fahnen wehen an Balkonen und aus Autofenstern, sogar Banken oder die Post dekorieren ihre Empfangsbereiche fußballgerecht. Flaggen und Fan-Schals finden guten Absatz, und seine Wange blau-weiß-rot anzumalen, ist zur üblichen Praxis geworden in diesen Sommertagen. Nachdem die Équipe Tricolore bereits bei der in Frankreich ausgetragenen Europameisterschaft vor zwei Jahren das Finale erreicht hatte und nachdem das junge Team von Trainer Didier Deschamps auch bei den ersten Matches überwiegend überzeugt hatte, galt Frankreich schon zu Beginn dieser WM als Favorit. Und tut es mit dem Einzug ins Finale erst recht. Mit jedem Sieg wuchs der Enthusiasmus im Land, bis er am Dienstag eine Art verfrühten Höhepunkt fand: Nach der erfolgreichen Begegnung mit der belgischen Mannschaft düsten Autos laut hupend durch die Straßen, in Frankreich eigentlich verbotene Knallkörper gingen in die Luft. Um das Pariser Rathaus, wo das Spiel auf einer riesigen Leinwand vor 20.000 Fans übertragen wurde, herrschten Freudentaumel und Verkehrschaos. Die Stimmung weckt nostalgische Erinnerungen an das legendäre Jahr 1998, als die französische Nationalelf im eigenen Land den WM-Titel holte.


Der Sieg wurde nicht nur aus sportlicher Sicht gefeiert, sondern gesellschaftlich-politisch interpretiert: Eine Mannschaft aus Schwarzen, Weißen und Arabern - "black, blanc, beur"- schien zu beweisen, dass das französische Integrationsmodell funktionieren und dass das multikulturelle Zusammenspiel erfolgreich sein konnte. Wie der algerischstämmige Zinédine Zidane oder Lilian Thuram aus dem französischen Überseegebiet Guadeloupe erhalten auch heute Männer wie Samuel Umtiti, Kylian Mbappé und Paul Pogba, welche es durch ihre dunkle Hautfarbe in einem anderen Kontext nicht unbedingt leicht hätten, den Status von Nationalhelden.

Negativ-Schlagzeilen vorbei
Ausgerechnet sie versöhnen so manchen Unterstützer mit dem Sport nach einigen schwierigen Jahren, in denen den französischen Fußballern der Ruf anhing, überbezahlte Lümmel zu sein. Bei der WM in Südafrika 2010 sorgte der Trainings-Boykott einiger Kicker und das darauffolgende verfrühte Ausscheiden für Entsetzen; auch Skandale um Spitzenspieler wie Franck Ribéry, der eine Affäre mit einer minderjährigen Prostituierten hatte, oder Karim Benzema, dem der Erpressungsversuch eines Kollegen vorgeworfen wurde, sorgten für Negativ-Schlagzeilen. Die Mitglieder der heutigen Mannschaft hingegen erhalten ausreichend Kommunikationstraining, um bei Interviews Fehltritte zu vermeiden; sie geben sich auch nach ihrer bisherigen Siegesserie bescheiden und verzichten auf voreiliges Triumph-Geheul. Und galt der frühere Trainer Raymond Domenech zeitweise als "meistgehasster Mann Frankreichs", so hat sein Nach-Nachfolger Deschamps gute Chancen auf Rekord-Beliebtheitspreise, sollte seine Mannschaft die nun sehr hohen Erwartungen erfüllen. Durch die allgemein gehobene Stimmung könnte dann auch Präsident Emmanuel Macron, ein erklärter Fußball-Fan, auf eine Aufhellung in den Umfragen hoffen. Er saß bereits am Dienstag im Publikum in Sankt Petersburg und wird auch am Sonntag mit dabei sein. Fußball-Triumphe, so scheint es, sind ebenso gut fürs Geschäft wie für die Politik.




Schlagwörter

Fußball-WM, Frankreich, Paris

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-11 17:28:54
Letzte Änderung am 2018-07-11 19:16:56



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