• vom 13.07.2018, 07:45 Uhr

Fußball-WM 2018

Update: 13.07.2018, 10:02 Uhr

Fußball-WM

Luschnikis dunkelstes Kapitel




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Von Benjamin Schacherl

  • Vor 36 Jahren starben hundert Menschen im Moskauer Final-Stadion. Die Sowjetunion hat alles vertuscht.

Bei einer Gedenkveranstaltung im Jahr 2007 legen Menschen Blumen nieder. - © Sergej Karpukhin/Reuters

Bei einer Gedenkveranstaltung im Jahr 2007 legen Menschen Blumen nieder. © Sergej Karpukhin/Reuters

Moskau. Der russische Winter kündigte sich in diesem Jahr früh an. Am 20. Oktober 1982, ein Mittwoch, hatte es bereits untertags heftig geschneit. Am Abend sank die Temperatur auf minus zehn Grad, als Spartak Moskau in der zweiten Runde des Uefa-Cups auf den niederländischen Vertreter HFC Haarlem traf. Auf den Rängen des Lenin-Stadions, heute Luschniki, lag Schnee, die Geländer waren vereist. Ein großer Zuschauerandrang wurde an diesem ungewöhnlich kalten Abend nicht erwartet. Von den vier Tribünen wurden nur zwei geräumt und geöffnet.

Etwas mehr als Zehntausend Fans hatten sich auf den Weg ins Stadion gemacht. Viele der Zuschauer erzählten später, dass sie von den Ordnern auf die Tribüne C geschickt worden seien und es dort deshalb überfüllt gewesen sei. Das vorrangige Motiv der Behörden sei gewesen, "aufmüpfige" Fußballfans unter Kontrolle zu behalten. Wenn sich die Fans nur auf einer Tribüne einfanden, konnte man leichter den Überblick bewahren. Behördenvertreter sprachen hingegen davon, dass die Mehrzahl freiwillig auf die Tribüne C gewechselt habe, weil diese näher an der Metrostation liegt.

Unumstritten ist, dass sich die aktiven Fanszenen des Landes damals massiver Repression gegenüber sahen. Die organisierte Anhängerschaft war ins Visier des sowjetischen Sicherheitsapparats geraten. Als die Fans ihre Plätze bezogen hatten, holten sie ihre Flaggen hervor und begannen zu singen - verbotenerweise. Die Miliz umzingelte die Fans, die sich mit vereisten Schneebällen zur Wehr setzten. 150 Personen sollen festgenommen worden sein.

Das Tor, das nie fallen sollte

Das Spielgeschehen passte sich den eisigen Temperaturen an, nach dem frühen Führungstor der Russen passierte lange Zeit nichts. Angesichts der Kälte wollten viele Zuschauer das Stadion kurz vor Spielende verlassen, um bei der Metro nicht anstehen zu müssen. Zwischen dem ersten und zweiten Rang stauten sich die Zuschauermassen Richtung Ausgangstunnel, der sich im Mittelstock des Treppenhauses befand. Die Polizei hatte nur einen Korridor vorgesehen, um nach dem Spiel Personenkontrollen durchführen zu können. In der letzten Spielminute fiel dann doch noch ein Treffer, das 2:0 für Spartak, das folgenschwerste Tor der Vereinsgeschichte.

"Ich wünschte, ich hätte es nie geschossen", sagte Torschütze Sergei Schwetsow später. Viele der Fans, die schon am Weg nach draußen waren, kehrten um. Sie wollten sehen, was passiert war. Jene, die noch im Inneren ausgeharrt hatten, brachen in Jubel aus. Gleichzeitig brachte die endgültige Entscheidung viele dazu, sich ebenfalls Richtung Metro zu bewegen. Sie strömten auf die einzige Stadiontreppe, die geöffnet war. Eine zu hohe Belastung für die Stiege - das Metall verbog sich, alles krachte in sich zusammen. Jene, die nicht herabgestürzt und unter der Treppe begraben wurden, hetzten zurück ins Stadioninnere, Panik brach aus, Menschen wurden zu Tode gequetscht. Kurz nach der Katastrophe hat die Miliz das Stadionareal abgesperrt, niemand konnte hinaus oder herein. Die Sicherheitsbeamten legten die Leichen vor dem Lenin-Denkmal am Stadionvorplatz ab. Die Spieler der beiden Teams wurden erst am Tag danach über die Katastrophe informiert.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-12 17:26:04
Letzte Änderung am 2018-07-13 10:02:18



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