• vom 12.07.2018, 18:30 Uhr

Fußball-WM 2018


Fußball-WM

Gegen alle Widrigkeiten




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  • In Kroatiens Fußball gibt es viele Störfeuer. Jetzt jubelt das Land über den größten Erfolg.

Mit Domagoj Vida wurde für eine WM in fernerer Zeit geübt.

Mit Domagoj Vida wurde für eine WM in fernerer Zeit geübt.© Hartmann/Reuters Mit Domagoj Vida wurde für eine WM in fernerer Zeit geübt.© Hartmann/Reuters

Moskau/Zagreb. (art) Als der Schlusspfiff ertönte, brachen alle Dämme. Nach mehr als 120 Minuten, der dritten Verlängerung hintereinander, und einem 2:1-Sieg durch die Tore von Ivan Perišić (68.) und Mario Mandžukić (109.) brachten die Kroaten noch die Kraft zum ausgiebigen Jubel auf, feierten mit den Fans, lagen sich in den Armen. Danach durften auch noch die Kinder aufs Feld, mitwuseln und mit dem Ball schon ein bisschen für eine WM in ferneren Tagen üben.

Die aktuelle Weltmeisterschaft hat Kroatien nun ins Finale gebracht, in dem es am Sonntag gegen Frankreich geht. Es ist der größte Erfolg in der Geschichte des jungen Verbandes, der 1992 nach dem Zerfall Jugoslawiens als eigenständiges Team in den Weltfußball zurückgekehrt ist. Ein Halbfinale, 1998 mit dem Ausscheiden gegen den Gastgeber und späteren Weltmeister Frankreich, steht zu Buche. Und seither träumt das kleine Land an der Adria-Küste mit der großen Fußballbegeisterung von mehr. "Wir haben vier Millionen Einwohner, vier Millionen Teamchefs und vier Millionen Spieler. Alles ist möglich", hat Teamchef Zlatko Dalić vor dem Halbfinale gemeint. Jetzt sagt er: "Meine Spieler sind nicht normal. Was wir geschafft haben, wird immer Teil der Geschichte sein. Und wenn Gott will, werden wir Weltmeister."

Auch die Ottakringer Straße wurde zur Partyzone. Passiert ist nichts.

Auch die Ottakringer Straße wurde zur Partyzone. Passiert ist nichts.© Neubauer/apa Auch die Ottakringer Straße wurde zur Partyzone. Passiert ist nichts.© Neubauer/apa

Es ist vielleicht die letzte Chance für die Generation um Luka Modrić, Ivan Rakitić und Co.; schon lange wird ihr Großes prophezeit. Doch immer wieder stand sich Kroatien selbst am meisten im Weg, sei es durch Undiszipliniertheiten oder Störfeuer aus dem eigenen Umfeld. Den kroatischen Fußball begleitet eine Kultur der Korruption und Misswirtschaft, erst im vorigen Jahr wurde Zdravko Mamić, der ehemalige Präsident von Dinamo Zagreb und die Eminenz des Sports, wegen Veruntreuung in Millionenhöhe zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt, deren Antritt er mit einer Flucht nach Bosnien-Herzegowina aber vorerst vereitelt hat. Im Zuge dessen wurde auch Verbandsdirektor Damir Vrbanović in erster Instanz verurteilt, Modrić indessen droht ein Prozess wegen Falschaussage.


Aufregung um
WM-Spieler

Auch vor dieser WM machten die Probleme nicht Halt, sodass es für Dalić zur Herkulesaufgabe wurde, die Köpfe immer wieder frei werden und den Zusammenhalt in den Fokus rücken zu lassen: Ognjen Vukojević wurde während der WM von seinen Aufgaben im Betreuerstab entbunden, weil er seinen Jubel der Ukraine widmete und dies als Provokation gegenüber den russischen Gastgebern aufgefasst wurde; Innenverteidiger Domagoj Vida, dem dasselbe vorgewurfen wurde, kam mit einer Verwarnung davon. Und nach dem 3:0 gegen Argentinien tauchten Videos im Internet auf, die Spieler dabei zeigen, wie sie in der Kabine fröhlich Lieder der Band Thompson singen, die der faschistischen Ustascha-Bewegung nahe stehen. Auch auf diversen Fanfesten, ob in Zagreb oder Ottakring, wurden unter den zahlreichen friedlich-fröhlich-feiernden Fans vereinzelt einschlägige Grüße und Symbole gesichtet. Immer wieder stehen Verband und einzelne Spieler in der Kritik, sie würden sich nicht deutlich genug von derartigen Umtrieben distanzieren. Und auch die Fifa, die den kroatischen Verband bei der WM unter anderem wegen des Darbietens von Getränken eines Nicht-Fifa-Sponsors zu einer Geldstrafe verurteilt hat, sah in diesem Fall keinen Grund, einzuschreiten.

Serbe Djoković
unterstützt Kroatien

Während der Fußball für viele europäische Länder auf politischer Ebene zwar als eine nette Ablenkung von aktuellen Problemen (wie in Englands Fall dem Brexit) und als Möglichkeit, das Stimmungsbarometer zu den eigenen Gunsten ausschlagen zu lassen, gesehen wird, ist er mit der Politik in Kroatien seit jeher eng verknüpft. Die schweren Ausschreitungen vor einem geplanten, aber nie angepfiffenen Spiel zwischen Dinamo Zagreb und Roter Stern Belgrad 1990 im Maksimir-Stadion markierten für viele den Beginn des Krieges, der schließlich zum Zerfall Jugoslawiens führte. Und noch heute werden die Differenzen zwischen Serbien und Kroatien oftmals auf das Spielfeld projiziert. Als Serbiens Tennis-Held Novak Djoković nach dem Ausscheiden seines Landes seine Sympathien für Kroatien bekundete, handelte er sich prompt eine Rüge von Vladimir Djukanović von der regierenden konservativen Fortschrittspartei SNS ein: "Nur Idioten unterstützen Kroatien", erklärte Djukanović. Djoković wird’s egal sein. Wenn er dann nicht gerade im Wimbledon-Finale um den Sieg kämpft, wird er am Sonntag nicht der einzige sein, der dem kleinen Land mit der großen Fußballbegeisterung die Daumen drücken wird.




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Fußball-WM, Kroatien

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Dokument erstellt am 2018-07-12 17:38:01



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