• vom 15.07.2018, 06:30 Uhr

Fußball-WM 2018


Fußball-WM

Frankreich hat den Raum gestohlen




  • Artikel
  • Lesenswert (8)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Klaus Huhold

  • Bei dieser WM standen die Abwehrreihen sehr dicht, Frankreich hat diese taktischen Trends auf die Spitze getrieben.

Keinen Platz ließ Frankreich seinen Gegnern, in diesem Fall dem Belgier Kevin de Bruyne. - © ap/Thanassis Stavrakis

Keinen Platz ließ Frankreich seinen Gegnern, in diesem Fall dem Belgier Kevin de Bruyne. © ap/Thanassis Stavrakis

Moskau/Wien. Die Geschichte des Fußballs ist die eines großen Verlustes: Verloren gegangen ist immer mehr der Raum, und mit ihm auch die Zeit. Wer sich Übertragungen früherer Fußballspiele anschaut - Gelegenheit dazu bietet ein Match, das im argentinischen Córdoba 1978 stattgefunden hat und in Österreich gerne wiederholt wird -, der wundert sich, welch gemächliche Sportart sich vor seinen Augen ausbreitet. Wie viel Zeit die Spieler bei der Ballannahme haben, wie viel offener Raum sich vor dem ballführenden Akteur auftut, während ihm die Gegner oft erst einmal zuschauen.

Es wäre vielleicht ein interessantes Experiment, sich gleich nach einer Córdoba-Übertragung noch einmal das Halbfinale dieser WM zwischen Belgien und Frankreich anzuschauen. Vielleicht wird einem kurz schwindlig ob des veränderten Tempos. Kamen die Belgier in die Nähe des Tores der Franzosen, wurde ihnen die Luft abgeschnürt, waren sie umzingelt von Gegnern, die dafür unermüdlich kurze Sprints hinlegten. Und weil das Team von Didier Deschamps das konzentriert und ohne großen Fehler machte, kamen die Belgier trotz hochveranlagter Offensivspieler nach ihrem Rückstand nur noch zu Halbchancen und mussten das Match 0:1 verloren geben. Sie wurden Opfer der vielleicht entscheidendsten Entwicklung im heutigen Fußball: Der Raum wird gestohlen wie noch nie zuvor.


Viele Tore aus
Standards und Kontern

Wie sehr dieser abhanden gekommen ist, das analysierte Marco van Basten. Der frühere Weltklassetorjäger leitet nun die Fifa-Abteilung für technische Entwicklung und analysiert, wohin sich die Fußballtaktik entwickelt. Es sei in den vergangenen Jahren vor allem darum gegangen, "zwischen die Linien zu kommen", sagte der Ex-Teamchef der Niederlande bei einer Pressekonferenz kurz vor dem Finale zwischen Frankreich und Kroatien (Sonntag, 17 Uhr). Kreative Spieler hätten den freien Raum zwischen Mittelfeld und Abwehr gesucht, um von dort aus gefährliche Aktionen zu starten. "Heute ist es aber fast unmöglich, zwischen die Linien zu kommen", analysierte Van Basten. "Denn die zehn Feldspieler des Gegners stehen ganz nahe beieinander und bewegen sich von links nach rechts, von vorne nach hinten."

Das funktioniert aber nur, wenn dabei eben alle zehn Spieler mitmachen. Und wieder ist hier die Équipe Tricolore ein Paradebeispiel. Frankreich sei eine Mannschaft "voller individueller Klasse, in der aber alle mitverteidigen und Drecksarbeit leisten, auch der größte Ausnahmekönner. Kompaktheit und Absicherung gehen vor Angriffswirbel", schreibt Niko Kovač, Trainer von Bayern München, in seiner Kolumne für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Frankreich ist für ihn die Mannschaft, "an der man die Erkenntnisse dieser WM, den Trend für die Zukunft am deutlichsten festmachen kann".

weiterlesen auf Seite 2 von 3




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-13 17:35:15
Letzte Änderung am 2018-07-14 18:17:23



Werbung



WM-Tagesprogramm


Abseits

Rapid gegen den Rest des Landes

Man kann Didi Kühbauer für die neue Aufgabe bei seinem Herzensklub Rapid nur alles Gute und in absehbarer Zeit einen Titel wünschen - andernfalls wird... weiter







Werbung