• vom 15.07.2018, 06:30 Uhr

Fußball-WM 2018


Fußball-WM

Frankreich hat den Raum gestohlen




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Das sind keine guten Nachrichten für Liebhaber des Offensivspektakels. Der heutige Fußball hat somit einen defensiven Charakter. Aber bei aller Absicherung müssen auch Tore geschossen werden, was immer noch Sinn und Zweck dieses Spiels ist. Und auch hier liegt Frankreich ganz im Trend dieses Turniers.

Wenn es immer schwieriger wird, sich Chancen zu erspielen, bleibt als Alternative die Standardsituationen. Bei keiner WM war diese so entscheidend, in den vier Viertelfinal- und zwei Semifinalspielen folgten 7 der 15 Tore einem ruhenden Ball. Frankreich hat genau so Partien in der K.o.-Phase entschieden. Raphaël Varane hat nach einer Freistoßflanke mit dem 1:0 gegen Uruguay den Weg zum 2:0-Sieg geebnet. Samuel Umtiti köpfelte nach einem Eckball den Siegtreffer beim 1:0 gegen Belgien.

Eine weitere bei der WM oft gesehene Variante, zum Erfolg zu kommen, war der Konter, der schnelle Gegenstoß. Auch den beherrscht Frankreich, wie die spektakulären Läufe und Tore von Kylian Mbappé im Achtelfinale gegen Argentinien bewiesen haben. Die Bleus hatten in diesem Match, wie übrigens auch gegen Belgien, nur rund 40 Prozent Ballbesitz. Es ging ihnen - und auch vielen anderen Teams - nicht darum, den Ball zu haben, sondern darum, ihn im richtigen Moment zu erobern, dann, wenn der Gegner in der Vorwärtsbewegung und damit hinten unsortiert ist. Die Franzosen schnappten sich den Raum, den sie den Argentiniern vorher genommen hatten.

Das alles funktioniert nur, wenn ein Trainer taktisch und technisch bestens ausgebildete Spieler zur Verfügung hat. Talent alleine reicht daher nicht, der Straßenfußballer existiert kaum mehr. Der heutige Profi ist durch Leistungszentren und Nachwuchsinternate gegangen. Diese besitzt Frankreich in hoher Qualität, und auch in Belgien sind all diese großartigen Fußballer nicht vom Himmel gefallen.

Hier sehen manche Experten auch den Grund für die europäische Dominanz. Alle vier Semifinalisten kamen aus Europa, und auch die drei jüngsten Weltmeister waren mit Deutschland, Spanien und Italien europäisch. Europa sei in der Professionalisierung so weit voraus, dass bald nur noch die Nationen mithalten könnten, deren Spieler in Europa im Nachwuchs waren, sagte in einem Gespräch mit der spanischen Zeitung "El Pais" der portugiesische Trainer Carlos Queiroz, der bei dieser WM den Iran betreute.

Gar nicht so überraschend war daher auch, dass Afrikas Abstieg derart weiterging, dass erstmals seit 36 Jahren kein afrikanisches Team die Vorrunde überstand. So lange Afrika nicht viel mehr als viel Talent besitze, "werden wir weiter nur in Träumen leben", sagte der frühere nigerianische Teamspieler Emmanuel Amuneke, der ebenfalls für die Fifa arbeitet.

Und Südamerika, der traditionelle Konkurrent Europas? Dort werden Talente zumeist nicht fertig ausgebildet, sondern, sobald ihr erstes Youtube-Video existiert, so schnell wie möglich verscherbelt und zu Geld gemacht.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-13 17:35:15
Letzte Änderung am 2018-07-14 18:17:23



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