London. (art) "Ein neuer Star ist geboren", sagte Boris Becker in der BBC, Alexander Zverev habe sich zum "König des Tennis" geadelt, schrieb die "Bild". Und auch Novak Djoković, der Weltranglistenerste im Tennis, der gegen Zverev im Endspiel des World-Tour-Finales mit 4:6, 3:6 verloren hatte, war voll des Lobes für seinen potenziellen Nachfolger an der Spitze der Tennis-Welt: "Wir haben vorher gewusst, dass er Grand Slams gewinnen kann. Jetzt wird er bei jedem Grand Slam zu den Favoriten zählen."

Vorher, das war, als Zverev, der in Hamburg geborene Sohn des gleichnamigen ehemaligen sowjetischen Daviscup-Spielers, schon in jungen - in noch jüngeren - Jahren nicht nur von seiner Körpergröße von 1,98 Meter als Riesentalent gegolten hatte, der letzte Schritt aber nicht wirklich immer gelingen wollte: 2014 Junioren-Sieg bei den Australian Open, erster Sieg auf der ATP-Tour und gleichzeitig Halbfinal-Einzug bei seinem Heimturnier in Hamburg, 2016 erster Turniererfolg auf ATP-Ebene, und bis London deren acht weitere, davon drei bei Masters-1000-Veranstaltungen - das stand vor dem Saisonabschlussturnier auf der Habenseite des 21-Jährigen. Und dennoch waren die Jahre des rasanten Aufstiegs auch von Nebengeräuschen begleitet - vor allem weil Zverev, zuletzt immer öfter als Geheimtipp gehandelt, ausgerechnet bei den Grand-Slam-Turnieren nicht sein unzweifelhaft großes Potenzial ausschöpfen konnte.

Mit Lendl zum Erfolg


Das Viertelfinale bei den French Open in diesem Jahr, in dem er, auch gebremst durch eine Verletzung, gegen Dominic Thiem den Kürzeren zog, war bisher das Höchste der Gefühle gewesen. Im Sommer aber verpflichtete Zverev Ivan Lendl für sein Betreuerteam, dem seit Jugendtagen auch sein Vater angehört. Der Einfluss des prominenten Coaches, der schon Andy Murray von einem sehr guten Spieler zu einem mehrfachen Grand-Slam-Sieger gemacht hatte, ließ sich in London nicht leugnen: Zverev hat seinen Aufschlag im vergangenen halben Jahr verbessert, erarbeitet sich seine Chancen geduldiger und schlägt zu, sobald der Moment gekommen ist - gerne auch vom Netz, wo er nun ebenfalls sicherer auftritt.

Und seine (neu gefundene) Nervenstärke bewies er in London gleich mehrfach: In seiner Gruppe hatte er gegen Djoković noch klar den Kürzeren gezogen, die Niederlage vermochte der bekannt ehrgeizige Deutsche anders als früher diesmal richtig zu kanalisieren. Gemeinsam mit Lendl habe er die Partie genau analysiert und daraus seine Lehren gezogen, sagte er nach dem Finale: "Ich habe aggressiver gespielt und versucht, den Ball früher zu nehmen." Das gelang schließlich auch, als er nach einem durch dumme Fehler verlorenen Aufschlagspiel im zweiten Satz keineswegs in ein Loch fiel, sondern beinhart zurückschlug. Im Halbfinale davor wiederum bewahrte er die Ruhe, als er nicht nur Roger Federer, sondern auch das Publikum gegen sich hatte. "Läuft doch bis jetzt ganz gut", meinte Zverev schließlich bei der Siegerehrung in Richtung Lendls, als er als jüngster Sieger dieses Turniers seit Djoković 2008 und erster deutsche Triumphator seit Boris Becker 1995 feststand.

Kampfansage in aller Demut


Ob er, wie ihm vielfach zugetraut wird, auch in Zukunft in deren Fußstapfen wandeln wird, wollte er freilich nicht prognostizieren. Immerhin war schon vor einem Jahr von einer Wachablöse im Herren-Tennis die Rede gewesen; das Finale in London lautete damals Grigor Dimitrow gegen David Goffin. Beide haben sich heuer nicht einmal qualifiziert, stattdessen teilten sich die großen Drei, die das Tennis jahrelang dominiert hatten, bis London wieder alle großen Titel untereinander auf: Federer gewann bei den Australian Open, Rafael Nadal bei den French Open, Djoković, der eine beeindruckende Comeback-Saison nicht ultimativ krönen konnte, in Wimbledon und Flushing Meadows. In Zverevs Fall freilich deutet vieles darauf hin, dass der Sieg beim Jahresabschlussturnier nicht der letzte große Triumph gewesen sein wird. "Ich muss immer noch viele Dinge verbessern", sagte der nunmehrige Weltranglistenvierte, und es sollte wohl demütig klingen. In Wahrheit wirkte es aber eher wie eine Kampfansage.

World Tour Finale, Endspiel, Einzel

A. Zverev (D, 3) - Djoković (Ser, 1)6:4, 6:3

Doppel

M. Bryan/Sock (USA, 5) - Herbert/Mahut (F, 7)5:7, 6:1, 13:11