Wien. Anfang November wurde Anna Gasser zum zweiten Mal hintereinander als "Österreichs Sportlerin des Jahres" ausgezeichnet. "Vor ein paar Jahren habe ich die Sportlerwahl noch gemeinsam mit meinen Eltern im Fernsehen gesehen", erzählt die 27-Jährige. "Ich habe meine Mama gefragt, ob ich da einmal dabei sein könnte. Sie hat gemeint, dass das mit meiner Sportart nie gehen wird." Nicht viele hätten daran geglaubt, dass man im Snowboardsport ein derartiges Standing erreichen kann. Der Höhenflug der amtierenden Olympiasiegerin geht derzeit ungebrochen weiter: In der vergangenen Woche stand sie als erste Frau weltweit einen Cab Triple Underflip 1260, einen dreifachen Rückwärtssalto mit halber Drehung. "Das war schon eine Überwindung", sagt Gasser.

Artistische Sprünge in mehreren Metern Höhe kennt sie seit ihrer Kindheit von der akrobatischen Sportgymnastik. Als Kind konnte sie nicht ruhig sitzen, in der Schule durfte sie im Stehen schreiben. "Als Siebenjährige hat mich meine Mama zum Energieabbau in den Turnverein geschickt." Gasser kann auf einen ungewöhnlichen Karriereweg zurückblicken. Erst mit 18 Jahren hat sie mit dem Snowboarden begonnen. Nach der Matura ist sie für ein Jahr in die USA gegangen, um sich ganz dem Sport zu widmen. Dort hat sie als Erste einen doppelten Rückwärtssalto mit zweieinhalb schraubenförmigen Drehungen gestanden. "Es war der Beginn für alles, was danach gekommen ist." Am Wochenende springt Gasser beim Big-Air-Wettbewerb in Peking.

"Wiener Zeitung": Sie sind in Ihrer achten Saison. Was treibt Sie an?

Fotostrecke 1 Bilder

Links
Anna Gassers Cab Triple Underflip 1260
wienerzeitung.at ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Anna Gasser: Es spornt mich ungemein an, wenn eine Kollegin einen neuen Trick macht, weil man selber noch besser werden will. Der größte Antrieb kommt aber von mir selbst. Ich will an jedem Tag, den ich am Berg verbringe, etwas Neues lernen. Das muss nicht ein schwerer Sprung sein. Das kann auch ein kleinerer Trick sein. Ich will mich immer weiterentwickeln, und deswegen macht mir der Sport so viel Spaß.

Welche Aspekte gefallen Ihnen nicht?

Wettkämpfe sind nicht immer nur lustig. Da macht man bei Schnee, Regen und Wind Sprünge, die man bei diesen Bedingungen im Training nie probieren würde. Es ist auch hart, wenn man verletzt ist und zuschauen muss. Man geht einen neuen Trick ohnehin lange im Kopf durch, bevor man springt. Trotzdem kann immer etwas passieren. Wenn man sich verletzt, kommt später manchmal die Angst dazu, wenn man den Trick wieder probiert. Man braucht ihn aber vielleicht, um Bewerbe zu gewinnen.

Wie oft müssen Sie sich überwinden?

Man tastet sich immer wieder heran. Aber die meisten Verletzungen passieren gar nicht bei den schweren Sprüngen, sondern bei irgendeinem Blödsinn, bei dem man unkonzentriert war. Das Wichtigste ist, dass man sich wieder sicher fühlt und man auf den eigenen Körper vertrauen kann. Ich möchte Respekt davor haben, aber keine Angst.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Snowboardsports in Österreich?

Als ich meinen Eltern gesagt habe, dass ich Snowboard-Freestyle machen möchte, haben sie damals nicht recht gewusst, was sie damit anfangen sollen. Sie haben sich gefragt: "Was will sie denn damit? Gibt’s da überhaupt einen Verband?" Jetzt sind die Begriffe Big Air und Slopestylein Österreich nicht mehr unbekannt. Das ist schon cool, wenn man ältere Herrschaften trifft, und die sagen dann: "Du machst doch Big Air." Da denk ich mir: "Echt? Ihr kennt Big Air?"

Sehen Sie sich selbst als Pionierin?

In Österreich schon. Es ist gut, wenn die Leute zu einer helfen können, die erfolgreich ist. Das hat die Bekanntheit des Sports in Österreich gesteigert. Das freut mich total. Nicht nur für mich, sondern für die ganze Szene in Österreich. Vielleicht werden jetzt die Jüngeren nicht mehr gefragt, was genau sie da eigentlich machen.

Ihr Freund Clemens Millauer ist ebenfalls Snowboard-Profi. Ist es dadurch schwierig, vom Beruf abschalten zu können?

Für mich ist es mehr ein Vorteil. Wir unterstützen uns gegenseitig. Negativ wird es nur dann, wenn einer von uns verletzt ist. Dann will man vom Snowboarden am liebsten nichts wissen. Da wünscht man sich dann vielleicht kurz, dass der andere mit dem Sport gar nix am Hut hat. Natürlich versucht man, sich mit dem anderen mitzufreuen, aber das ist gar nicht so leicht.

Was dient Ihnen als Inspirationsquelle für neue Tricks und Sprünge?

Man schaut immer wieder Videos von neuen Tricks. Ich möchte beides kombinieren: Tricks, die man braucht, um Wettbewerbe zu gewinnen, und Tricks, die mir persönlich gut gefallen. So bin ich mit 18 auch zum Sport gekommen. Mein Cousin hat mir Videos gezeigt. Wir haben dann selbst gefilmt, waren im Tiefschnee fahren und haben unsere eigenen Schanzen gebaut. Die Videos haben wir unseren Freunden gezeigt.

Nach der Matura sind Sie in die USA gegangen und haben dort als Erste den Cab Double Cork 900 gestanden. Das Video davon hat Sie schlagartig bekannt gemacht. Wie ist es Ihnen damit ergangen?

Ich habe mir damals nicht so viel dabei gedacht. Ich habe schon gewusst, dass ich etwas gemacht habe, was vor mir noch keine gemacht hat. Als das Video online ging, war ich auf einem Shooting-Trip unterwegs und hatte keinen Empfang. Ich war gerade neu auf Instagram und hatte 200 Follower. Am nächsten Tag waren da auf einmal ein paar tausend Freundschaftsanfragen und 5000 neue Follower. Mein Handy ist explodiert. Ich hab mich überhaupt nicht mehr ausgekannt und nicht geahnt, dass ein Video so eine riesige Auswirkung auf ein Leben haben kann.