Melbourne. (art) Vor zwei Jahren wusste Petra Kvitová nicht, ob sie jemals überhaupt wieder Tennis spielen konnte. Im Dezember 2016 hatte sie einen Einbrecher auf frischer Tat in ihrem Appartement im tschechischen Prostejov ertappt, er zerschnitt ihr daraufhin mit einem Messer neben Sehnen, Bändern und Nerven ihrer linken Schlaghand auch den Faden ihrer bis dahin erfolgreichen Karriere. 2011 hatte Kvitová zum ersten Mal Wimbledon gewonnen, 2014 zum zweiten Mal, im Herbst desselben Jahres stand sie als Gewinnerin der WTA-Championship und als Zweite der Weltrangliste auf dem Höhepunkt. Doch auch wenn sie danach nicht ganz an diese Erfolge anschließen konnte, kam der Tiefpunkt erst an jenem Dezembertag und den Monaten danach.

"Es spielt keine Rolle, wie lange es dauert; egal, ob drei Monate, sechs Monate oder ein Jahr. Ich will unbedingt mein Comeback geben. Ich werde kämpfen und alles Mögliche dafür tun", sagte sie damals, wenige Tage nach ihrer mehrstündigen Operation. Doch es dauerte, bis Kvitová sich erholte - nicht unbedingt körperlich, aber mental. "Ich habe wirklich lange gebraucht, bis ich wieder Menschen vertrauen konnte", erzählte sie nun in Melbourne. Doch mittlerweile kann sie es mit einer Mischung aus Freudentränen und Lächeln erzählen, denn aus der "Räubersgeschichte" könnte nun ein Tennis-Märchen werden.

Am Donnerstag erreichte die 28-Jährige mit einem 7:6, 6:0-Erfolg über die US-amerikanische Überraschungsfrau Danielle Collins das Finale der Australian Open - erstmals seit ihrem zweiten Wimbledon-Sieg kam sie bei einem Grand-Slam-Turnier so weit. Bei einem möglichen Finalerfolg über die japanische US-Open-Siegerin Naomi Osaka, die mit einem 6:2, 4:6, 6:4-Sieg über Karolína Plíšková ein rein tschechisches Endspiel verhinderte, würde die Frau mit den wuchtigen Grundschlägen und dem starken Service sogar erstmals in ihrer Karriere die Nummer-eins-Position in der Weltrangliste übernehmen. Andernfalls wäre Osaka die Nachfolgerin der Rumänin Simona Halep an der Spitze.

Lange Durststrecke

Während Osaka sich nach dem US-Open-Titel auch zur ersten japanischen Melbourne-Siegerin küren könnte, verfügt Tschechien über eine lange Tennis-Tradition und eine Fülle an Top-Spielerinnen, die beispielsweise den Fed Cup dominieren. Alleine Kvitová hat den Teambewerb der Damen schon sechs Mal gewonnen.

Bei den Australian Open hingegen warten die Tschechinnen schon seit dem Triumph von Hana Mandlíková 1987 auf einen Sieg; die vor knapp eineinhalb Jahren verstorbene Jana Novotná war vier Jahre später die bis dato letzte Finalistin des ersten Grand-Slam-Turniers des Jahres. Für Kvitová macht dieses schon jetzt seinem Namen als "Happy Slam" alle Ehre. "Es war eine lange Reise. Ich kann es nicht glauben, dass ich im Finale stehe", sagte sie nach dem Match, bei dem gegen Ende des ersten Satzes - in dem sie das erste Break hatte hinnehmen müssen, ehe sie zurückschlug - wegen der großen Hitze das Dach geschlossen worden war. "Das hat mir ein bisschen geholfen", räumte Kvitová ein. "Ich spiele gerne in der Halle."

Für die kommenden Tage ist in Melbourne allerdings ein Temperatursturz vorhergesagt, diese Stärke wird sie also im Finale am Samstag (9.30 Uhr MEZ) eher nicht ausspielen können. Auch die Weltrangliste weist sie als Sechste zwei Plätze hinter Osaka aus. Aufgrund des bisherigen Saisonverlaufs ist Kvitová dennoch leicht zu favorisieren. Inklusive des Erfolges beim Vorbereitungsturnier in Sydney hat sie nun elf Siege hintereinander gefeiert. Schon jetzt darf sie sich freilich als Siegerin fühlen. "Es gibt nur wenige, die daran geglaubt haben, dass ich das schaffen würde."