Salzburg/London. Der Daviscup ist tot - es lebe der Daviscup. So ungefähr könnte man den Beginn der neuen Ära beschreiben, die für den prestigeträchtigen Länderkampf-Bewerb im Herren-Tennis an diesem Wochenende - unter anderem mit dem Duell Österreich gegen Chile in Salzburg - beginnt. Während die einen das neue Format bejubeln, das nun in die Qualifikation für die Hauptveranstaltung im November in Madrid geht, beklagen die anderen einen Verlust der Werte des Traditionsbewerbs, oder, etwas drastischer formuliert: einen Ausverkauf seiner Seele.

Epische Fünfsatzschlachten sind schon ab der Qualifikation Geschichte; beim Finalturnier gibt es dann auch kein Heim- oder Auswärtsrecht mehr - alles Dinge, die bisher unhinterfragt zur DNA des 118-jährigen Dinosauriers unter den Sportturnieren gehört hatten. Stattdessen werden im November 18 Mannschaften ihren Champion in einer Stadt küren und damit eine Veranstaltung abliefern, die freilich an Glanz und Glamour auch Ihresgleichen sucht.

Schon bei der Abstimmung über das neue Format im August schieden sich die Geister, letztlich gab es trotz heftiger, von traditionellen Tennis-Nationen wie Deutschland, Australien und Großbritannien angeführter Opposition, eine 71,43-Prozent-Mehrheit für den von Dave Haggerty, dem umstrittenen Präsidenten des Weltverbandes ITF, propagierten Vorschlag. Als einer von wenigen der mehr als 210 Mitgliedsverbänden enthielt sich der österreichische Tennisverband der Stimme - weil man sich, wie Geschäftsführer Thomas Schweda erläuterte, im fünfköpfigen Präsidium nicht festlegen konnte. Man wolle dem neuen Bewerb - der sogar zwischen Dominic Thiem, einem klaren Befürworter, und seinem Betreuer Günter Bresnik für Uneinigkeit sorgte - jedenfalls "eine Chance geben", sagte Schweda.

Mehr bleibt freilich auch den Gegnern nicht übrig, nun, da die angekündigte Revolution eben doch stattfindet. Und immerhin: Es gibt kaum jemanden, der nicht zumindest in einer Hinsicht von ihr profitiert. Denn beim Daviscup geht es spätestens ab jetzt nicht mehr hauptsächlich um die vermeintlich hässlichste Salatschüssel der Welt, sondern um bares Geld. Rund 120 Millionen Euro zahlt die von Fußball-Star Gerard Piqué angeführte Investorengruppe Kosmos pro Saison an die ITF - und das für die kommenden 25 Jahre.

Piqué hatte Kosmos vor vier Jahren mitgegründet und mittlerweile potente Partner auf seine Seite geholt - beispielsweise den japanischen Unternehmer Hiroshi Mikitani, den Chef des Internetgiganten Rakuten, der als Sponsor praktischerweise auch die Trikots von Piqués Klubs FC Barcelona ziert, und den US-Milliardär Larry Ellison. Und weil Piqué, zudem Ehemann von Popstar Shakira, bestens vernetzt ist und seine Fäden zieht, nannte ihn die spanische Sportzeitung "Marca" bereits den "neuen Chef des Welttennis".

Österreich mit Novak, Rodionov

Jedenfalls bestimmen die neuen Macher, wohin die Reise für die besten Tennis-Teams der Welt geht - zum großen Finale nach Madrid. Die zwölf Sieger der Qualifikationsduelle dieses Wochenendes sind dort dabei, aufgestockt wird das Teilnehmerfeld des Megaturniers durch die Semifinalisten des Vorjahres sowie zwei Wild-Card-Teams. Gespielt wird dann in sechs Dreiergruppen, aus denen die Sieger sowie die zwei besten Gruppenzweiten ab dem Viertelfinale im K.o.-Modus den Gewinner des ersten "Daviscup neu" ermitteln. Die Gruppenpartien finden im Round-Robin-Modus von Montag bis Donnerstag statt - mit jeweils zwei Einzeln sowie einem Doppel an einem Tag -, danach beginnt der Showdown um den Titel so richtig. Dass das alles eine Woche nach dem bisherigen Saisonende, dem ATP-World-Tour-Finale, geschehen soll, die Saison dadurch verlängert wird, ist für die Befürworter kein Hindernis. "Wir können den Bewerb gemeinsam mit Kosmos auf einen neuen Standard heben. Es wird ein wahres Festival mit Tennis und Unterhaltung, das für Spieler, Fans, Sponsoren und TV-Anstalten noch attraktiver wird", jubiliert Haggerty. Und auch Thiem erwartet ein "unfassbares Event", bei dem dabei zu sein, "unmenschlich" wäre. In Salzburg wird es aber an seinen Kollegen Dennis Novak, Jurij Rodionov und Co. liegen. Thiem selbst musste aufgrund seiner bei den Australian Open aufgetretenen gesundheitlichen Beschwerden passen. Die Auslosung erfolgt am Donnerstag um 11 Uhr am Flughafen nahe der Salzburg Arena. Ob man will oder nicht - es ist der Abflug in eine neue Ära.