Wien/München (apa). Der Münchner Staatsanwalt Kai Gräber ist überzeugt, dass sich der aktuelle Dopingskandal noch ausweiten wird, und bezeichnete die Beweislage am Montag in einem ARD-Interview als "sehr erdrückend" und sprach von "Beweismitteln in Hülle und Fülle". Er gehe deshalb davon aus, "dass man (...) hier auch anklagen wird und dementsprechend dann erhebliche Strafen wird erzielen können".

"Also ich erwarte mir eigentlich schon, dass es nicht bei dem Stand bleibt, den wir jetzt haben, sondern dass es durchaus Weiterungen hat, und zwar sowohl im Hinblick auf weitere Sportler (...) und andere Sportarten", betonte Gräber. "Wie weit es sich dann auf weitere Mediziner und Funktionäre erstreckt, werden die Ermittlungen zeigen", ergänzte der Leiter der Schwerpunktstaatsanwaltschaft München.

40 Blutbeutel in Erfurt sichergestellt

Gräber gab auch Einblick in die Dopingrazzia, die am vergangenen Mittwoch in Erfurt stattgefunden hatte und in deren Zuge "etwa 40 Blutbeutel" gefunden wurden: "Wir haben in einer Garage in Erfurt, in einem Kühlschrank, solche Blutbeutel in tiefgefrorenem Zustand befüllt sicherstellen können. Die sind auch mit Kürzeln versehen. Wir müssen jetzt Personen finden, denen diese Kürzel zugeordnet werden können", erläuterte der Staatsanwalt.

Laut Gräber seien dabei "andere Tarnnamen als bei den Sportlern, die festgenommen wurden", aufgetaucht. Deshalb gehe er davon aus, "dass es sich nicht nur auf diese fünf Sportler beschränkt". Neben den beiden Österreichern Max Hauke, der sogar mit der Nadel im Arm beim Blutdopen erwischt worden war, und Dominik Baldauf zählten auch der Kasache Alexei Poltoranin sowie die Esten Andreas Veerpalu und Karl Tammjärv zu den bei der Nordischen Ski-WM in Seefeld festgenommenen Langläufern.

DNA- und Tarnnamen-Puzzle für Ermittler

Man werde "alle rechtlich zulässigen Mittel ergreifen, DNA gegebenenfalls vergleichen zu können", um weitere in diese Blutdoping-Causa verwickelte Sportler identifizieren zu können, kündigte Gräber an. "Die Beweislage ist tatsächlich sehr erdrückend für die Beteiligten. Allein die Informationen, die im Vorfeld schon über die operativen Maßnahmen gewonnen werden konnten, sind sehr, sehr deutlich und geben eindeutige Hinweise auf das, was da passiert ist. Dazu kommen die Erkenntnisse, die aus dem Zugriff gewonnen werden konnten, die Sicherstellungen, also Beweismittel in Hülle und Fülle."

Selbstanzeige von Radprofi

Radprofi Georg Preidler ist der nächste österreichische Spitzensportler, der im Zuge der Enthüllungen um das Netzwerk eine deutschen Mediziners Blutdoping gestanden hat. Er habe sich bei den Behörden selbst angezeigt, bestätigte Preidler in Interviews mit österreichischen Tageszeitungen (Montag-Ausgaben).

Er sei von dem Zirkel um den deutschen Sportmediziner angesprochen worden und habe sich vor kurzem Blut abnehmen, aber nie rückführen lassen. Der 28-Jährige fühlt sich als Betrüger, aber nicht als Krimineller. "Ja. Ich hatte betrügerische Absichten oder Gedanken. Ich fühle mich aber nicht als Verbrecher", sagte Preidler zur "Kleinen Zeitung". Seine bisherigen Leistungen wie ein dritter Etappenplatz beim Giro d'Italia 2016 seien alle sauber zustande gekommen, behauptete der für das französische Spitzenteam Groupama-FDJ fahrende Profi. "Alle meine Erfolge, etwa beim Giro, waren sauber. Ich war ohne Doping gut, habe nie etwas getrickst", so Preidler in der "Kronen Zeitung".

Preidler hat auch seinen Arbeitgeber, das französische Rad-Team Groupama-FDJ, über seine Selbstanzeige und die
Verwicklung in den Dopingskandal um den deutschen Arzt Mark S.
informiert. In der Stellungnahme zu dem Fall schrieb der Rennstall am
Montag, dass Preidler erklärt habe, er habe sich am Jahresende 2018
zweimal Blut abnehmen lassen.

Der Anfang 2018 zu diesem WorldTour-Team gewechselte Steirer hat laut
der Stellungnahme am Sonntag "über seinen sofortigen Rücktritt wegen der
unentschuldbaren Verwicklung in die 'Seefeld-Affäre' informiert".

Riesenfehler und Dummheit

Wann die Hemmschwelle, Blutdoping zu betreiben, bei ihm gefallen sei, wollte Preidler nicht angeben. "Dazu kann ich noch nichts sagen, weil alles mit der Staatsanwaltschaft im Laufen ist. Aber sie ist erst vor kurzem gefallen. Nach langem Überlegen habe ich mich zu diesem Riesenfehler und dieser Dummheit entschlossen." Im Profizirkus höre man, dass ohnehin viele dopen. "Irgendwann fällt die Hemmschwelle weg."

Sein Umfeld habe nichts gewusst, er habe alleine gehandelt, erklärte Preidler. Außerdem gab der mehrfache Staatsmeister an, er kenne keine weiteren Kunden des Netzwerkes. "Ich kenne keine Namen." Die Selbstanzeige sei wegen des Drucks der Enthüllungen der vergangenen Tage erfolgt. "Ich kann nur sagen, mit dem Wissen des Betrugs im Hinterkopf zu leben, ist die Hölle. Ich weiß nicht, wie das andere aushalten. Ich musste nun an die Öffentlichkeit gehen. Ich habe das nicht mehr ausgehalten."

Weitere Enthüllungen wahrscheinlich

Die jüngsten Entwicklungen um den während der Nordischen WM ausgebrochene Skandal mit den Verhaftungen und späteren Geständnissen der Langläufer Max Hauke und Dominik Baldauf hätten ihn zu dem Geständnis veranlasst. Er sei sich nicht sicher gewesen, ob und wann sein Name im Zuge der Ermittlungen gegen den Arzt herauskommen würde. Preidler: "Ich weiß nicht, wie sehr dieser Arzt alles vertuscht, verschlüsselt oder verdunkelt hat. Man bekommt keine Informationen über das System. Er ist ja auch nicht dumm und macht das schon viele Jahre. Ich hätte jetzt auch zu Hause sitzen können und warten, aber das bin ich nicht und das kann ich nicht."

Bisher sind weitere sechs Namen von verwickelten Sportlern öffentlich bekannt. Hauke, Baldauf, zwei estnische und ein kasachischer Langläufer waren bei der Nordischen WM verhaftet und nach Geständnissen wieder freigelassen worden. Vergangenen Freitag gestand auch eine Tiroler Radprofi - es soll sich um Stefan Denifl handeln. Die Innsbrucker Staatsanwaltschaft hat in der Dopingcausa am Montag erstmals offiziell Ermittlungen gegen den Tiroler Radprofi Stefan Denifl bestätigt.

Der Verdacht gegen den Gewinner der Österreich-Radrundfahrt 2017 hatte sich im Zuge der Ermittlungen gegen den deutschen Sportmediziner nach den Doping-Razzien in Seefeld und Erfurt erhärtet. Am Freitag wurde Denifl schließlich einvernommen. Dabei zeigte er sich laut Anklagebehörde geständig. Anschießend wurde der Tiroler wieder enthaftet.

IOC zeigt sich bestürzt

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist entsetzt über den aktuellen Blutdoping-Skandal und fordert eine harte Bestrafung der Sportbetrüger. "Das IOC ist bestürzt ob des beschämenden Verhaltens, das die Untersuchungen in Bezug auf die Athleten und ihre Entourage aufgedeckt haben", erklärte ein Sprecher des IOC am Montag.

"Wir hoffen, dass speziell die Entourage auf Grundlage der Strafgesetzgebung schnell und hart bestraft wird und der Fall damit abschreckende Wirkung hat", meinte der Sprecher. Zur gleichen Zeit rief das IOC die involvierten Athleten auf, die Gelegenheit zu nutzen, "ihr Gewissen zu erleichtern und von einer Reduzierung der sportlichen Sanktionen auf Grundlage des WADA-Codes (10.6) profitieren zu können". Nach dieser Regel im Welt-Anti-Doping-Code können Sperren reduziert werden, wenn ein des Dopings beschuldigter Sportler der WADA oder einer Polizeibehörde wesentlich bei der Aufklärung von Vergehen unterstützt.

"Die Effizienz des Kampfes gegen Doping hängt von der Kooperation zwischen Sport und den staatlichen Behörden ab", teilte der IOC-Sprecher weiter mit. "Die jüngsten Reformen der Welt-Anti-Doping-Agentur inklusive der Stärkung ihrer investigativen Einheit sowie mehr finanzielle Unterstützung tragen zur gesteigerten Effizienz bei."