Innsbruck. (may) Mit großem Marketingaufwand - eigener Homepage, Facebook-Seite, gebrandetem Mini-Van sowie einem Buchprojekt samt großer ARD-Dokumentation - versuchte das "Team Johannes Dürr" doch noch zur Heim-WM nach Seefeld zu gelangen. "Der Weg zurück" lautete das Motto des bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi überführten Doping-Sünders, der als (geläuterter) Täter und Opfer der Sportmaschinerie zugleich viel Zuspruch bekam.

Doch die ersehnte zweite Chance in Form einer WM-Teilnahme in der Herren-Staffel gab es für den Epo- und Blutdoper nicht, weil sie letztlich am Veto von ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel scheiterte. Für den abgelaufene Wettkampfsperren (zwei Jahre) nämlich prinzipiell lebenslänglich gelten. Damit hat der ÖSV-Präsident in Sachen Dürr wohlgetan und sich zusätzlichen Ärger erspart - denn am Dienstag wurde auch der 31-Jährige ob seiner zwielichtigen Rolle als angeblicher Aufdecker im Seefelder Doping-Skandal in Innsbruck festgenommen.

Die Innsbrucker Staatsanwaltschaft bestätigte am Nachmittag einen "Krone"-Bericht über die vorgenommene Festnahme, allerdings nannte sie den Namen Dürr nur indirekt. Sie sprach davon, dass sich ein "Verdacht gegen einen weiteren Langläufer" ergeben habe, der "zuvor selbst aufgrund seiner Angaben die Ermittlungen in Deutschland gegen den Sportmediziner aus Erfurt in Gang gebracht hat". Unschwer zu erkennen, dass es sich dabei um den nun in Innsbruck lebenden Niederösterreicher handelte, zumal die Ermittler in der Vorwoche Dürrs Aussagen in der ARD-Dokumentation "Die Gier nach Gold" beziehungsweise vor der Staatsanwaltschaft München als Auslöser der Razzien in Seefeld und Erfurt nannten.

"Diese neuen Ermittlungsergebnisse haben es erforderlich gemacht, den Mann heute Mittag über Anordnung der Staatsanwaltschaft festzunehmen", hieß es am Dienstag in einer Aussendung der Anklagebehörde. Vernehmung und weitere Ermittlungen seien im Laufen, nähere Auskünfte zur Verdachtslage und zum Ermittlungsstand könnten am Dienstag nicht gemacht werden. Binnen 48 Stunden sei nun zu entscheiden, ob der Verdächtige wieder zu enthaften ist oder ob bei Gericht die Verhängung der Untersuchungshaft beantragt wird. Dass nunmehr Dürr ins Fadenkreuz der Ermittler gelangt ist, ist insofern keine Überraschung, als er bereits vor Tagen als Vermittler in der Doping-Causa genannt wurde. So hatten Schröcksnadel und der scheidende ÖSV-Langlaufchef Markus Gandler angegeben, die in Seefeld des Blutdopings bezichtigten Athleten Max Hauke und Dominik Baldauf wären von Dürr zu jenem Erfurter Sportarzt weitervermittelt worden, der nun als zentrale Figur des Dopingnetzwerkes gilt. "Ich habe einfach nur die Frage gestellt, steht ihr womöglich mit dem von 2014 überführten Athleten unter einer Decke", hatte Gandler nach einem Gespräch mit seinen zwei Langläufern mitgeteilt. "Dann war die Antwort darauf: ‚Unter einer Decke stecken wir nicht. Aber er hat uns zu diesem Arzt hingeführt.‘ Wenn das nicht der Beweis ist, was dann?", so Gandler.

Straffrei ohne Prozess

Von Dürr kam daraufhin umgehend ein Dementi. Er ließ dem ORF via Anwalt eine Stellungnahme mit folgendem Wortlaut zukommen: "Die angeblichen Anschuldigungen von Dominik und Max sind unwahr. Ich habe keine Kontaktdaten des in den Medien genannten Doping-Arztes (wie Name, Telefonnummer oder Adresse) an die beiden Sportler weitergegeben."

Sollten sich die Vorwürfe gegen Dürr bestätigen, könnte übrigens sein eigentlich längst erledigtes Dopingverfahren von 2014 wieder schlagend werden: Denn im Sommer 2015 wurde das gegen ihn seitens der Staatsanwaltschaft Wien angestrengte Verfahren wegen Sportbetrugs (§ 147 Abs 1a StGB) diversionell erledigt. Allerdings mit der Auflage, dass sich Dürr zwei Jahre lang nichts zuschulden kommen lassen dürfe. Außerdem wurde ihm die Weisung erteilt, der Staatsanwaltschaft in halbjährlichem Abstand nachzuweisen, dass er keine im Sinne des Anti-Doping-Gesetzes verbotenen Substanzen nimmt. Brisant ist nun, dass der Kontakt des Duos Hauke/Baldauf zu jenem Arzt bereits "seit Jahren" besteht, wie der leitende Ermittler des Bundeskriminalamtes, Dieter Csefan, bestätigt. Womit spannend werden könnte, ob etwaige Doping-Vermittlerdienste Dürrs die Diversions-Auflagen konterkariert haben.

Dass Dürr damals überhaupt mit Diversion davonkam, was heute viele kritisch sehen, wurde von der Staatsanwaltschaft mit Unbescholtenheit, geständiger Verantwortung und Schadensgutmachung (zurückgezahlte Sponsor-Beiträge) begründet. Laut seiner Homepage ist Dürr seit Juni 2014 als Zollbeamter beschäftigt und lässt sich mittlerweile zum selbständigen Betriebsprüfer ausbilden.

Keine ÖSV-Betreuer betroffen

Auch auf dem Zivilrechtsweg kündigt sich gegen Dürr ein Verfahren an: Nachdem er im Jänner in der ARD-Dokumentation erklärt hatte, dass er auch von Personal des ÖSV bei unerlaubten Praktiken unterstützt worden sei, gleichzeitig aber keine konkreten Namen nannte, will Gandler diese nun vor Gericht hören - oder Dürr eben zum Verstummen bringen. Für den ÖSV hatte Wolfgang Schobersberger, der Anti-Dopingbeauftragte, die unterstellte Mitwisserschaft bereits im Jänner zurückgewiesen. BK-Ermittlungsleiter Csefan entlastet den ÖSV in der Seefelder Affäre jedenfalls: "Nach unseren Beobachtungen waren keine Betreuer oder Funktionäre betroffen."

Sichtbar ist damit aber wohl nur die Spitze des Eisberges: Nach den heimischen Radprofis Stefan Denifl und Georg Preidler ist am Dienstag ein weiterer Sportler aufgeflogen - der estnische Langläufer Algo Kärp hat Blutdoping gestanden.