Sydney. Als Greg Inglis seinen Mitspielern der South Sydney Rabbitohs am Wochenende den Entschluss mitteilte, seine Karriere zu beenden, hätten diese Tränen in den Augen gehabt, berichteten sie selbst danach. Die Entscheidung eines der populärsten Rugby-League-Spielers Australiens kam nach Saisonen voller Verletzungen nicht überraschend. Eine Lücke wird sie dennoch reißen - in das Team, das Inglis 2014 zum ersten Titel nach einer 43-jährigen Durststrecke geführt hatte, im Besonderen, aber auch in den Sport im Allgemeinen. Landauf, landab wollten die Lobeshymnen über den großen und bulligen, aber zugleich schnellen und taktisch gewieften Spieler nicht verstummen. "Er hatte diese Aura. Wenn er einen Raum betreten hat, haben sich die Menschen herum besser gefühlt", sagte Australiens Teamchef Mal Meninga.

Für seine Gegner, über die der 32-jährige Inglis naturgewaltengleich hereinzubrechen pflegte, mag das zumindest auf dem Feld nur mit Abstrichen gelten, für seine Kollegen aber umso mehr - ganz besonders für jene, die wie er indigener Herkunft waren beziehungsweise sind. Zwar haben Aborigines und deren Nachfahren im Vergleich zu anderen Sportarten eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der National Rugby League gespielt - einer Tradition, der man Down Under mit Indigenous-All-Stars-Matches Rechnung trägt -, dennoch sind sie bisweilen immer noch rassistischen Umtrieben ausgesetzt. Haben sie anfänglich ihre Wurzeln noch anders als beispielsweise in Neuseeland oft verleugnet, haben Spieler wie der legendäre Arthur Beetson, in den 70ern sportartenübergreifend der erste indigene Kapitän einer australischen Nationalmannschaft, und eben Inglis maßgeblich dazu beigetragen, dass sie nun stolz in die vorderste Reihe treten. Er denke "jeden Tag, wenn ich aufstehe und jeden Tag, wenn ich zu Bett gehe" an sein kulturelles Erbe, sagte Inglis einmal in einem Interview. "Weil es das ist, was mich ausmacht."

Vorbild nicht ohne Makel

Schon in früheren Zeiten seiner Karriere trat er für Sozialprogramme für Jugendliche ein; als er sich 2011 - nach einem Skandal um Verstöße gegen Gehaltsobergrenzen bei seinem früheren Verein Melbourne Storm, der den Klub die 2007 und 2009 errungenen Titel kostete - den Rabbitohs anschloss, wurde es zu seinem Herzensprojekt, gegen Diskriminierung aufzutreten. Schließlich hat er sie selbst am eigenen Leib zur Genüge erfahren.

"Ich und meine Familie waren zeit meiner Karriere Rassismus ausgesetzt. Ich sage nicht, dass ich auf einer Seite stehe. Ich stehe auf jeder Seite gegen Rassismus. Wir sind ein extrem vielfältiges Land." Er selbst wolle für diese Vielfalt einstehen, wolle "ein Vorbild für die nächste Generation" sein, sagte er stets. Dennoch gab es in seinem Leben immer wieder Vorfälle, in denen er diese Vorbildfunktion vergessen hatte. Im Herbst des Vorjahres stand er wegen Alkohol am Steuer vor Gericht, kam aber mit einer Diversion davon.

Die Fans haben es ihm längst verziehen, zumal Inglis auch nie ein Geheimnis daraus gemacht hatte, vor allem in Zeiten verletzungsbedingter Pausen unter Depressionen gelitten zu haben. Der nunmehrige Rücktritt habe mit all dem aber nichts zu tun, betonte er. "Ich glaube einfach, dass es Zeit ist und für mich die richtige Entscheidung." Und es ist, diese Kritik mischte sich freilich auch unter die Lobeshymnen, eine Bekanntgabe, die den Rabbitohs nun erlaubt, mehr Geld für andere Spieler auszugeben, ohne über die erlaubte Gehaltsobergrenze zu kommen. Dass Inglis dem Klub indessen in anderer Funktion treu bleibt, ist gewiss - auch wenn die Rolle, die Meninga ihm zugedenkt, vielleicht doch ein wenig viel verlangt ist: "Dass er ein Mentor für Indigene war, ist offensichtlich. Aber er ist auch ein Mentor für alle Australier. Er wird immer einen Unterschied im Leben vieler ausmachen. Das ist sein Erbe, das bleibt."