Sheffield. (art) Dass Ronnie O’Sullivan einmal ein Kochbuch schreiben würde, hätte auch niemand geahnt. Doch es stimmt: Jener Ronnie O’Sullivan, dessen durchzechte Nächte mit den Rolling Stones Folklore sind, jener Ronnie O’Sullivan, der einst einräumte, mehr mit seinen "eigenen Dämonen", wie er seine Alkoholsucht und psychischen Probleme nannte, zu kämpfen als mit den Gegnern, jener Ronnie O’Sullivan, der sich mit seinem schnellen Spiel den Beinamen "The Rocket" erarbeitet hatte, der aber gleichzeitig quasi mit Bomben und Granaten durchfallen konnte, wenn ihm etwas an Gott, der Welt oder sich selbst nicht passte, jener Mann also ist nun unter die Kochbuchautoren gegangen. Unter dem Titel "Top of your game - Eating for mind and body" brachte er Rezepte mit viel Fisch, Gemüse und Hendlfleisch verbunden mit Lebensweisheiten heraus. "Im Snooker geht es um Aufmerksamkeit, Fokus und Konzentration - wie kann man das erreichen, wenn man seinen Körper nicht gut behandelt?", heißt es dort. Ronnie O’Sullivan war schließlich immer schon für Überraschungen gut.

Ab Samstag tauscht der 43-Jährige den Kochlöffel allerdings wieder mit dem Queue, bei der WM im legendären Crucible Theatre von Sheffield geht er auf seinen sechsten Titel los und damit seiner eigentlichen Profession nach. Geschadet haben ihm die Ausflüge ins Reich von Vitaminen und Proteinen jedenfalls bisher offenbar weniger als die früheren ins Nachtleben. Der Engländer spielt eine hervorragende Saison, in der er fünf seiner zehn Turniere gewonnen und mit seinem 1000. Century Break vor rund einem Monat einen im Snooker noch nie dagewesenen Meilenstein gesetzt hat. Kurz darauf avancierte er wieder zum Weltranglistenersten - eine Position, die er zuletzt 2010 besetzt hatte und die er nun mit 43 Jahren als ältester Spieler seit dem Waliser Ray Reardon 1983 innehat.

Rekordpreisgeld

Es war eine andere Zeit im Snookersport, der sich seither zur globalen Marke und zum Publikumsmagneten entwickelt hat. Die Enge im Crucible Theatre mit seiner geringen Kapazität von nicht einmal 1000 Zuschauern und den steil ansteigenden Rängen, die die Atmosphäre für Spieler und Fans verdichten, mag wie ein Anachronismus aus ihr daherkommen. Weltweit fasziniert das Spektakel aber zig Millionen Menschen, und neben den TV-Einschaltquoten ist auch das Preisgeld stetig gestiegen. Die Rekordsumme von 2,231 Millionen Pfund wird in Sheffield ausgeschüttet, eine halbe Million geht an den Sieger.

Wettanbieter und Experten sehen O’Sullivan, der mit seinem Stil, aber auch seinen Extravaganzen maßgeblich am Aufstieg des Sports zum popkulturellen Phänomen beigetragen hat, am chancenreichsten, allerdings datiert sein bisher letzter WM-Titel aus dem Jahr 2013. Im Folgejahr musste er sich Mark Selby geschlagen geben, der auch 2016 sowie 2017 triumphierte und auch heuer neben Titelverteidiger Mark "The Welsh Potting Machine" Williams, Neil Robertson und Judd Trump zum engsten Kreis der Herausforderer zählt.

O’Sullivan hat vor allem die beiden Letztgenannten auf der Rechnung - neben sich selbst, versteht sich. Mit dem Siegerscheck ginge sich ein gediegenes Essen jedenfalls aus.