Lausanne. 800-Meter-Olympiasiegerin und -Weltmeisterin Caster Semenya hat vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) im juristischen Streit um Testosteron-Grenzwerte für Frauen eine juristische Niederlage erlitten. Laut dem am Mittwoch veröffentlichten Urteil des CAS ist eine Regel des Leichtathletik-Weltverbandes rechtens, mit der Testosteron-Limits für Mittelstreckenläuferinnen mit intersexuellen Anlagen festgesetzt werden.

Läuferinnen, die künftig bei internationalen Wettkämpfen über Distanzen von 400 Metern bis zu einer Meile starten wollen, müssen ihren Testosteronwert "innerhalb einer durchgehenden Periode" von mindestens sechs Monaten auf unter fünf Nanomol pro Liter senken. Dies ist auch durch die Einnahme hormoneller Verhütungsmittel möglich.

Das dreiköpfige CAS-Gericht in Lausanne lehnte die Einsprüche Semenyas und des südafrikanischen Leichtathletik-Verbandes ASA mehrheitlich ab. Die IAAF-Regel sei zwar diskriminierend, aber die Mehrheit des Gremiums befand sie auf Grundlage der von allen Parteien eingereichten Unterlagen auch "als notwendiges, vernünftiges und angemessenes Mittel". So könne das Ziel des Weltverbandes erreicht werden, die Integrität weiblicher Athleten in den fraglichen Wettbewerben aufrecht zu erhalten. Die IAAF zeigte sich in einer Aussendung zufrieden mit dem Urteil.

"Manchmal ist die beste Reaktion, gar nicht zu reagieren", twitterte Semenya. Die 28-jährige Südafrikanerin hat nun noch die Möglichkeit, innerhalb von 30 Tagen Einspruch beim Schweizer Bundesgericht einzulegen.

Die Richter wiesen ausdrücklich darauf hin, dass es im konkreten Einzelfall aber zu Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Regel kommen könne. Das CAS-Urteil könnte Auswirkungen auf das Startrecht von Frauen mit hohen Testosteronwerten für die WM vom 27. September bis 6. Oktober in Doha/Katar haben. Bis zum WM-Start sind es noch weniger als sechs Monate.

Zeit für internationale Wettkämpfe drängt

Die IAAF teilt daher mit, dass betreffende Athletinnen nun eine Woche bis 8. Mai Zeit hätten, ihren Testosteronspiegel auf das vorgeschriebene Niveau zu senken, um an internationalen Bewerben teilzunehmen. Für das Diamond League Meeting am Freitag in Doha ist noch keine Verringerung des Wertes notwendig. Außerdem werde auch der Start bei der WM akzeptiert, obwohl es bis dahin keine sechs Monate mehr sind. Der Testosteronwert muss aber passen, ansonsten werde das Antreten untersagt.

Mit dem Grenzwert von fünf Nanomol pro Liter reagierte die IAAF auch auf eine Studie vom Juli 2017, wonach Frauen mit hohen natürlichen Testosteronwerten in einigen Disziplinen einen Wettbewerbsvorteil von bis zu 4,5 Prozent haben. Der natürliche Testosteronwert ist bei Frauen normalerweise deutlich geringer als die jetzt festgelegten fünf Nanomol in einem Liter Blut. Die IAAF hatte die umstrittene Studie veranlasst, weil das CAS die Testosteron-Regel mit der Forderung aufgehoben hatte, Beweise für den vermeintlichen Wettbewerbsvorteil zu erbringen.

IOC: "Trans-Athleten
nicht ausschließen"

Ausgangspunkt war das internationale olympische Komitee (IOC), das vor den Sommerspielen 2016 neue Transgender-Richtlinien verabschiedet hatte, mit dem Ziel, Diskriminierungen vorzubeugen. Darin hat das IOC empfohlen, dass soweit wie möglich sichergestellt wird, "dass Trans-Athleten nicht von der Teilnahme an sportlichen Wettbewerben ausgeschlossen werden". Um einen fairen Wettstreit zu sichern, werden laut diesen Richtlinien "keine anatomischen Veränderungen als Voraussetzung für die Teilnahme" oder eine Hormontherapie mehr verlangt. Frauen, die sich für die Männlichkeit entscheiden, dürfen danach grundsätzlich und ohne Restriktionen in Männerkonkurrenzen starten. Diejenigen, die von einem Mann zu einer Frau wechseln, können nach dieser IOC-Regeln nur unter den folgenden Bedingungen an Frauen-Wettbewerben teilnehmen: Nach dem Identitätswechsel kann in Bezug auf einen Start bei einer Sportveranstaltung das Geschlecht vier Jahre lang nicht wieder geändert werden. Außerdem muss die Athletin nachweisen, dass ihr Testosteronspiegel mindestens zwölf Monate vor einem Start unter zehn Nanomol pro Liter liegt, um vermeintlich keinen Vorteil in einem Frauenbewerb zu haben.