Yorkshire. Es waren unterschiedliche Bilder, die der Neustart in die Zukunft lieferte, zwei Seiten ein und derselben Medaille, die das dominierende Radrennteam des vergangenen Jahrzehnts aber schon aus der Vergangenheit bestens kennt: Kritische Blicke hier, lächelnde Gesichter da. Die am Donnerstag gestartete und bis Sonntag laufende Tour of Yorkshire ist das erste Rennen für das neue Ineos-Team, seit der Chemie-Konzern den Sky-Rennstall mit all seinen Stars wie dem vierfachen Tour-de-France-Sieger Chris Froome sowie dem aktuellen Titelträger Geraint Thomas übernommen hatte.

Überraschend hatte Sky im Dezember seinen Ausstieg aus dem Radrennsport bekannt gegeben, ursprünglich sollte die Saison noch unter dem Namen des Medienkonzerns und mit dessen Geld bestritten werden. Wie es danach mit dem erfolgreichsten Rennstall der vergangenen Dekade, der acht Grand-Tours gewonnen hatte, weitergehen würde, war zunächst unklar. Doch schneller als erwartet fand sich ein Investor, der mit seinem Konzern jene rund 36 Millionen Euro pro Jahr in das Projekt steckt, die Sky nicht nur auf den Straßen, sondern auch in den Finanzen zum potentesten Team gemacht hatten: Jim Ratcliffe - für die einen ein Retter, für die anderen ein Unheilbringer.

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Denn Ratcliffe gilt mit einem geschätzten Vermögen von rund 24,5 Milliarden Euro nicht nur als reichster Brite, er ist auch Gründer und Vorstandsvorsitzender des Chemie-Konzerns Ineos, der die umstrittene Fracking-Methode zur Förderung von Gas, Öl oder Grundwasser durch die Erzeugung von Rissen im Gestein betreibt. Ausgerechnet in der sanften und hügeligen Landschaft von Yorkshire, auf die die Bevölkerung so stolz ist, habe Ineos Fracking-Lizenzen für Gebiete im Ausmaß von 2000 Quadratkilometern erworben, sagte Simon Bowens von der Nichtregierungsorganisation "Friends of the Earth" zur deutschen Presse-Agentur.

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Sport zur Imagepflege

Ratcliffe wehrt sich gegen die Anschuldigungen: "Wäre Fracking gefährlich, würden wir es nicht machen. Alles, was man macht, ist Wasser in die Tiefe zu pumpen." Ein weiterer Kritikpunkt der Umweltschützer ist, dass sich die prominenten Radprofis, die davor als Unterstützer der zum Sponsoringportfolio des vorigen Eigentümers gehörenden Sky-Ocean-Kampagne zum Schutz des Meeres aufgetreten sind, nun vor den Werbekarren eines Chemie-Konzerns spannen lassen. Wieder andere orten bei Ratcliffe in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht Doppelmoral: Der 66-Jährige war einst einer der lautesten Fürstreiter der Brexiteers - zuletzt sorgte er mit Überlegungen für Aufsehen, mit seiner Firma ins Steuerparadies Monaco auszuwandern. Positive Schlagzeilen können seinem Image daher nicht schaden - der Radsport soll sie liefern. Denn gemessen an seinem Vermögen und seinen anderen Investitionen zahlt Ratcliffe das Team quasi aus der Portokassa: Davor stieg er mit rund 126 Millionen Euro in den Segelsport ein, in dem er die America’s-Cup-Kampage von Sir Ben Ainslie für 2021 unterstützt, gerüchteweise ist er auch an einer Übernahme des Fußballklubs Chelsea vom russischen Oligarchen Roman Abramowitsch interessiert, die allerdings weitaus teurer wäre.