Wien. Überlegungen oder gar Pläne für die Errichtung einer Skisprungschanze in Wien werden derzeit hintangestellt. "Darüber denke ich nicht einmal fünf Minuten nach", stellte der Wiener Sozial- und Sportstadtrat Peter Hacker (SPÖ) klar. Vor zehn Jahren hatte der damalige Wiener Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) das Nachdenken über eine Sprungschanze in der Bundeshauptstadt noch kräftig befeuert. 2009 hatte Häupl von einem Bau ähnlich dem Holmenkollen in Oslo geträumt. Wiens Skispringer hatten noch Jahre später den Wunsch nach einer eigenen Schanze geäußert. Im vergangenen Jahrhundert hat es tatsächlich kleinere Sprungschanzen in Wien gegeben. Die letzte davon ist 1980 auf der Himmelhofwiese gegenüber dem Hütteldorfer Bahnhof nach einem Brand Geschichte gewesen.

Anlass für die Positionierung des Wiener Sportstadtrates war eine Veranstaltung des Wiener Arbeiter Turn- und Sportverbandes (WAT), der am Freitagabend zum 100-jährigen Bestehen zu einer "Zukunftskonferenz" geladen hatte, bei der der Herausforderungen für Sportvereine durch die Digitalisierung im Mittelpunkt standen. Bei dieser Gelegenheit machte Hacker, der in den vergangenen Monaten vor allem als Sozial- und Gesundheitsstadtrat – Stichworte Mindestsicherung und Umwandlung der Wiener Spitäler in Kliniken – gefordert war, aus seinem Kurs kein Hehl. Ihm seien zehn Sportplätze lieber als ein Großprojekt.

Aufruf zur Beteiligung am Wiener Sportstätten-Plan

Hacker rief bei der WAT-Zukunftskonferenz "Sportvereine in der Gesellschaft 4.0" eindringlich dazu auf, sich an der Debatte über das Entwicklungsprogramm für die Wiener Sportplätze zu beteiligen. Ihm geht es dabei vor allem auch darum, wie der Sport-Platz der Zukunft ausschauen muss, damit er von der Bevölkerung angenommen und genützt wird – von Jugendlichen ebenso wie von Älteren. In Wien kämpfen Ballsportvereine seit Jahren damit, dass einerseits eine geeignete Halle für 3000 bis 5000 Zuschauer fehlt und insgesamt zu wenige Hallen für Trainings zur Verfügung stehen. Bei der Diskussion über die Wiener Sportstätten müsse auch Platz sein für "völlig quergedachte Ideen", forderte der Sportstadtrat. Er verwies in diesem Zusammenhang darauf: "Wir haben das Gefühl, auf jedem Platz muss etwas stehen." Und sei es ein Hydrant oder ein Baum als Schattenspender. In Italien habe man ein anderes Verständnis von Platz, dort sei ein Platz tatsächlich frei.

Der Wiener Sportstadtrat stellte im Rahmen der WAT-Veranstaltung nicht den gesundheitlichen, sondern den gesellschaftspolitischen Aspekt des Sports in den Mittelpunkt. Sport könne eine zentrale Antwort für den Zusammenhalt in der Gesellschaft sein. Hacker knüpfte dabei an die einleitenden Aussagen des Sozialwissenschaftlers und FASresearch-Geschäftsführers Harald Katzmair an. Dieser skizzierte in einem Problemaufriss, dass mit dem Niedergang der klassischen Industriegesellschaft in den 1980er Jahren auch bisherige Beziehungen wie der Stammtisch oder die Familie und auch Hierarchien wie die Kirche an Bedeutung verloren haben. Im Zeitalter der Digitalisierung und von social media könnten aber gerade Sportvereine neue Formen von Beziehungen schaffen. Denn ein Sportverein sei auch Stammtisch, sei ein Team, aber auch eine Hierarchie, bei der es auch um das Gewinnen gehe.

Sport als Möglichkeit zur Selbstreflexion

Katzmair hob außerdem eine weitere Funktion von Sport hervor, die in der heutigen Zeit von besonderer Bedeutung ist: "Der Sport schafft eine Beziehung zu uns selbst." Man solle keinesfalls den Wert der Zeit für Selbstreflexion unterschätzen. Insgesamt kam er in Bezug auf Sport und Vereine zur Schlussfolgerung: "Es sind alles Tugenden und Werte, die wir verdammt benötigen, um alle Herausforderungen zu meistern."

WAT-Vizepräsident Christoph Schuh appellierte, der WAT solle als großer Allround-Anbieter mit vielen Sportarten offensiv die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen: "Angriff ist die beste Verteidigung." Das gelte sowohl für den Trend zu Individualisierung der Gesellschaft, dem auch mit dem virtuellen Sportangebot Rechnung getragen werden soll, als auch der drohenden Vereinsamung der Gesellschaft durch die fortschreitende Individualisierung. "Wir sind der reale Ort der Begegnung, der Integration, der Zusammenführung", meinte er.