Bratislava/Kosice. (rel) Das hat den slowakischen Verantwortlichen wohl noch gefehlt. Einen Tag vor dem Beginn der Eishockey-WM haben städtische Verkehrsbedienstete am Donnerstag einen Warnstreik abgehalten. In Kosice, das neben Bratislava zwischen 10. und 23. Mai als Spielort firmiert, standen 97 Prozent der Straßenbahnen und Autobusse still - weitere Streiks nicht ausgeschlossen. Gefordert werden bessere Arbeitsbedingungen sowie eine zehnprozentige Gehaltserhöhung noch in diesem Jahr und weitere acht Prozent im kommenden Jahr. Von solchen Steigerungen können selbst Eishockey-Stars nur träumen. Der Stadtverwaltung blieb aber nichts anderes übrig, als die Streiks als "ungesetzlich" zu kritisieren. Klar ist aber auch: Wenn am Freitag in Kosice die 83. Eishockey-Weltmeisterschaft der Herren mit der Partie Kanada gegen Finnland eröffnet wird (16.15 Uhr), muss der öffentliche Verkehr rollen.

Die gute Nachricht ist: Österreich, das die WM in der Gruppe B, also in Bratislava, bestreitet, ist von den Streiks (noch) nicht betroffen. Und solange die Fans aus dem nahen Niederösterreich und Wien nicht ausbleiben, ist zumindest die Rückendeckung von den Rängen gegeben. Und die werden Teamchef Roger Bader und seine Mannschaft auch dringend brauchen, geht es doch nach dem Auftakt am Samstag gegen die Letten (16.15 Uhr) am Sonntag gegen die Supertruppe aus Russland (12.15 Uhr/beide ORF Sport+). Und diese Bezeichnung ist keineswegs untertrieben: Die russische Equipe ist gespickt mit Superstars - und hat nur ein großes Ziel im Auge: Das Endspiel am 26. Mai in Bratislava, zum Auftakt trifft die Sbornaja hier am Freitag auf Norwegen (16.15 Uhr/ORF Sport+).

Die von Alexander Owetschkin angeführte Mannschaft ist sich ihrer Favoritenrolle absolut bewusst und will den Titel erstmals seit 2014 wieder nach Russland holen. Als stärkste Konkurrenten gelten Schweden, das den WM-Hattrick im Visier hat, sowie Kanada und die USA. Den Russen kommt zugute, dass einige Überraschungen im Play-off der NHL zu einem frühen Saisonende ihrer Topstars geführt haben. Mit der Folge, dass Owetschkin und Jewgeni Kusnezow (Washington Capitals), der dreifache Stanley-Cup-Sieger Jewgenij Malkin (Pittsburgh Penguins), Nikita Kutscherow (Tampa Bay Lightning), Jewgeni Dadonow (Florida Panthers) sowie auch Altmeister Ilja Kowaltschuk (Los Angeles Kings) nicht nur für die WM frei wurden, sondern zuletzt auch viel Zeit zum Trainieren hatten. Ganz im Gegensatz zu Österreich, das mit Michael Raffl nur einen NHL-Spieler in seinen Reihen hat.

Mit Hilfe ihrer NHL-Stars muss für Russland nach Rang sechs im Vorjahr nun der sechste WM-Titel seit dem Zerfall der Sowjetunion (beziehungsweise den insgesamt 28.) her. Dazu muss aber Schweden vom Thron gestoßen werden. Das Tre-Kronor-Team hat immerhin zweimal triumphiert und peilt den ersten Hattrick seit Tschechien vor 18 Jahren (1999 bis 2001) an. Teamchef Rikard Grönborg, der nach dem Turnier in die NHL wechseln könnte, hat 18 NHL-Profis einberufen. Der Prominenteste ist der 37-jährige Torhüter Henrik Lundqvist (New York Rangers).

Erstes US-Gold seit 1960?

Mit hochklassigen Spielern sind freilich auch Kanada und die USA angereist. Selbstverständnis der Kanadier ist es, um Gold zu spielen (und den 27. Titel zu holen). Teamchef Alain Vigneault, nächste Saison Coach von Raffl bei den Philadelphia Flyers, hat eine Mischung aus jungen Spielern und einigen Routiniers. Aber auch das US-Team ist eines der besten der vergangenen Jahre: Teamchef Jeff Blashill, auch Trainer von Thomas Vanek bei den Detroit Red Wings, hat Stürmer wie Kapitän Patrick Kane (Chicago Blackhawks) und Jack Eichel (Buffalo Sabres) zur Verfügung. Seit Gold 1960 war allerdings Bronze für die US-Boys das Höchste der Gefühle.

Als chancenreichste Außenseiter im Kampf um Medaillen gelten die Schweiz, Tschechien und Finnland. Österreich zählt freilich nicht dazu. Das Ziel ist der Klassenerhalt, ebenso bei den zuletzt schwächelnden Slowaken. Aber vielleicht gelingt dem Weltmeister von 2002 in Kosice ja ein Wunder? Möglich, dass sich dann die Straßenbahnfahrer das mit dem Streik noch einmal überlegen.