Bologna. (apa/dpa/art) Es ist eine ungewöhnliche Karriere, die Primož Roglič hingelegt hat. Im Juniorenbereich gewann der Slowene als Skispringer WM-Gold im Teambewerb, ehe er aufs Rad umstieg. Inzwischen ist er ein exzellenter Rundfahrer und beim Giro d’Italia, der am Samstag mit einem Zeitfahren in Bologna und unter anderem mit den Österreichern Marco Haller und Michael Gogl beginnt, gar einer der Favoriten. Nach einer bisher beeindruckenden Saison scheint der 29-Jährige für den Kampf gegen die Ex-Sieger Tom Dumoulin oder Vincenzo Nibali gerüstet.

"Ich bin bereit für den Giro", sagt der überaus ehrgeizige Roglič und hält den Sieg für "möglich". Im vergangenen Jahr hatte der Ex-Skispringer sein Potenzial mit Rang vier bei der Tour de France bereits angedeutet. Seither hat sich der Kapitän des niederländischen Rennstalls Jumbo-Visma aber noch einmal weiterentwickelt. Drei Rundfahrten hat er in diesem Jahr bereits gewonnen. Die anspruchsvolle Tour de Romandie dominierte er in der Vorwoche mit drei Etappensiegen nach Belieben. Dabei hatte seine Karriere im Profibereich erst 2016 begonnen. Der Slowene ist ein Quereinsteiger. Bis 2011 war er noch als Skispringer unterwegs, doch irgendwann packte ihn die Leidenschaft für den Radsport. Roglič lieh sich ein Rennrad aus und fuhr bei einem Rennen in Slowenien aufs Stockerl. Von da an war der Traum von der zweiten Karriere geboren. Dass schwere Stürze - seinen ersten hatte er bereits 2007 beim Skifliegen in Planica -, für den Sinneswandel sorgten, verneint er: "Man muss die Stürze im Skispringen akzeptieren wie im Radsport."

Ab 2013 fuhr der Mann aus Trbovlje in Zentralslowenien drei Jahre lang für das drittklassige Team Adria Mobil, mitunter auch in der österreichischen Liga, dann erhielt er vom Jumbo-Team die Chance. "Ich bekam einen Anruf von seinem slowenischen Trainer. Ein Skispringer aus Slowenien, das war merkwürdig. Ich war skeptisch, aber dann hat er einen Test bei uns gemacht, und es war verrückt. Er hatte außergewöhnliche Wattwerte", sagte Jumbo-Sportdirektor Frans Maassen der französischen Sportzeitung "L’Équipe".

Von da an ging die Karriere des Leichtgewichts (65 Kilogramm) erst richtig los: 2016 der Zeitfahrsieg beim Giro in Chianti, 2017 der erste Tour-Etappenerfolg in Serre-Chevalier und WM-Silber im Zeitfahren von Bergen, 2018 Gesamtrang vier bei der Tour de France. In seiner Heimat hat Roglič längst einen kleinen Radsport-Boom ausgelöst.

Entsprechend ist auch die Konkurrenz gewarnt. "Ich erwarte viel von ihm. Er hat mich bei der Tour gefordert, und das war das erste Mal, dass er auf Gesamtwertung gefahren ist", sagte Dumoulin, der niederländische Giro-Sieger von 2017. Auch Lokalmatador Nibali hat die "starke Saison" des Slowenen registriert. Der Gesamtsieger von 2013 und 2016 sieht bei seinem Rivalen aber Schwächen in der dritten Woche, wenn die schweren Bergetappen anstehen. Damit er dann nicht einbricht, hat Roglič extra noch ein Höhentrainingslager in der Sierra Nevada absolviert. Die mangelnde Erfahrung könnte das größte Problem sein. Es ist erst die vierte dreiwöchige Rundfahrt für den Slowenen, während etwa Nibali seine 21. Grand Tour in Angriff nimmt. Er habe alles im Eilzugsverfahren lernen müssen und sei damit noch nicht fertig, erklärte Roglič.

"Helfen und ärgern"

Für Haller und Gogl ist es überhaupt jeweils erst der erste Giro, ihnen sind bei ihren Teams Katjuscha und Trek in erster Linie Helferrollen für Ilnur Sakarin beziehungsweise Bauke Mollema zugedacht. Haller hat schon eine ungefähre Vorstellung, was ihn auf den rund 3580 Kilometern bis zum Ziel in Verona am 2. Juni erwartet: "In Italien ist Radfahren einfach etwas anderes", sagt er.

Obwohl er noch immer die Nachwirkungen eines Trainingssturzes aus dem Vorjahr spürt, ist er nach einer bisher starken Saison guter Dinge. Laufen und Stiegensteigen bereiten ihm zwar Probleme, im Sattel aber fühle er sich "auf einem konstant guten Level. Radfahren macht mir einfach extrem Spaß", sagt Haller, der Sakarin aufs Stockerl verhelfen will. Wenn sich die Gelegenheit ergebe, will er aber auch selbst attackieren. Dann gelte: "Kreativ sein und versuchen, die Kollegen zu ärgern."