Bratislava. (art) Es sind Aussagen, die man gemeinhin aus den Eishockey-Topnationen Kanada, Russland und Schweden, vielleicht auch den USA immer wieder zu hören bekommt: "Wir wollen diese Goldmedaille holen", oder: "Wenn man zur WM fährt, will man auch gewinnen." Doch diesmal kommen sie nicht (nur) von den üblichen Verdächtigen, die freilich auch in der Slowakei zu den Topfavoriten zählen, sondern auch von Patrick Fischer, dem Teamchef der Schweizer Nationalmannschaft, die am Dienstag in ihrem dritten Spiel in Gruppe B in Bratislava auf Österreich trifft (20.15 Uhr/ORF Sport+). "Der letzte Schritt ist Gold", betonte Fischer also schon vor der WM. Eben dieser letzte Schritt ist den Schweizern noch nie gelungen, im Vorjahr war man mit einer 2:3-Finalniederlage nach Penaltyschießen gegen Schweden schon denkbar knapp dran. Fünf Jahre davor hatte man gegen denselben Gegner im ersten Finale seit 1935 beim 1:5 noch keine Chance gehabt.

Doch es ist nicht nur das knappere Ergebnis, in dem sich der Unterschied zwischen der Nati damals und heute bemessen lässt. 2014 war die Schweiz im Jahr nach dem großen Höhenflug - als solcher war der Finaleinzug freilich trotz der klaren Niederlage gegen das Tre-Kronor-Team gewertet worden - ähnlich hart auf dem Boden der Realität gelandet wie Russlands Präsident Wladimir Putin bei einer Eishockey-Gala am Samstag in Sotschi, bei der er zwar neun Tore schoss, aber auch über den roten Teppich stürzte. Im Fall der Schweiz war der rote Teppich, auf dem der Vizeweltmeister stolperte, das Eis von Minsk, auf dem man vor dem als Minimalziel ausgegebenen Viertelfinale ausrutschte. "Das waren damals andere Mannschaften und andere Konstellationen", sagt Fischer heute. "Vor fünf Jahren waren wir nicht so parat wie jetzt." Dass er nun offen über Goldträume spricht, macht die Erwartungshaltung in der Heimat zwar nicht geringer. Doch von übertriebener Bescheidenheit, sei sie nun richtig oder falsch, hält der 43-jährige Cheftrainer, der unter Ralph Krueger gespielt und unter Vizeweltmeister-Coach Sean Simpson assistiert hatte, nichts. "Klar ist jetzt der Erfolgsdruck da - aber den lieben wir", sagt er.

Es ist diese Mentalität, die Fischer den davor oft zaudernden Spielern eingebläut hat - nicht ohne dabei selbst Widerstände überwinden zu müssen. Zu Beginn seiner 2015 begonnenen Amtszeit war er ebenso nicht unumstritten wie nach dem vorzeitigen Olympia-Aus 2018 in Pyeongchang. Doch anstatt sich in Selbstmitleid zu ergehen ("Damit halte ich mich nicht lange auf") begann er unmittelbar danach mit der Aufarbeitung. "Nach Pyeongchang war es relativ unruhig im Schweizer Eishockey-Universum gegenüber mir und der Mannschaft. Man spürte gewisse Zweifel im Umfeld. Wir haben ja gewusst, dass wir nicht geliefert haben. Aber das ist der Sport, damit muss man umgehen können."

Dass Fischer und die Seinen damit umgehen konnten, haben sie nur wenige Monate danach bewiesen; bei der WM gelang eindrucksvoll die Rehabilitation - obwohl man in der Vorrunde noch nicht überzeugt hatte. Unter anderem hatte man Österreich dort nur knapp in der Overtime besiegt. Ein Jahr später sind die Schweizer gegen die Mannschaft von Roger Bader klarer Favorit. Während diese die ersten beiden Spiele verloren hat - einem 2:5 gegen Lettland folgte ein 0:5 gegen Russland, bei dem man sich zwar teuer verkaufte, darum aber nichts kaufen kann -, sind die Schweizer zum Auftakt über die inferioren Italiener mit 9:0 hinweggefegt und haben sich auch im Geduldsspiel gegen Lettland mit 3:1 keine Blöße gegeben.

Das System Fischer funktioniert momentan, auch seine nicht immer risikolosen Personalentscheidungen werden nicht - wie früher - ständig hinterfragt. So baute er sich einen Kader aus NHL-erprobten Akteuren wie Veteran Roman Josi, einer von drei Vizeweltmeistern von 2013, und jungen Talenten wie dem 18-jährigen Janis Moser zusammen, der auf und abseits des Eises als Einheit auftritt - auch das hat es früher nicht immer gegeben.

"Bei den letzten zwei A-Weltmeisterschaften haben wir gegen sie gut gespielt und jedes Mal Punkte geholt. Heuer haben sie aber sicher einen stärkeren Kader als in letzten Jahren", sagt Österreichs Verteidiger Dominique Heinrich. Teamchef Bader erinnert an die Erfolgsgeschichte der Auswahl seines Heimatlandes: "Man muss wissen, gegen wen es geht. Die Schweizer sind Vizeweltmeister, einen Penaltyschuss weg vom Weltmeistertitel." Natürlich werde seine Mannschaft versuchen, mit "einfachem, geradlinigem Eishockey, Disziplin und hartem Kampf" dagegenzuhalten. "Aber wer der Favorit ist, ist sehr deutlich klar." Zumindest in diesem Spiel sind es die Schweizer - und wenn es nach ihrem neuen Selbstverständnis geht, nicht nur da.