London. (art) An ihrem 21. Geburtstag war es nicht ein Geschenk oder eine Glückwunschkarte, über die sie sich am meisten freute, sondern ein anderes Schriftstück: eine schlichte Pressemitteilung. "Jamie Chadwick tritt in die Williams Driver Academy ein", gab der Formel-1-Rennstall am Montag bekannt. Soll heißen: Die nunmehr 21-Jährige wird Entwicklungspilotin bei Williams.

Die Britin hat 2015 als erste Frau die nationale GT-Meisterschaft und im Vorjahr als erste Pilotin einen Lauf zur britischen Formel-3-Meisterschaft gewonnen. Derzeit führt Chadwick die W-Series, eine neue und reine Frauen-Rennsportserie mit Formel-3-Autos, an. Chadwick soll neben ihrer Arbeit im Simulator auch bei drei WM-Wochenenden dabei sein, den Beginn macht Silverstone im Juli.

Williams ist der einzige Rennstall, der von einer Frau geführt wird. Claire Williams ist die Tochter des Team-Gründers Frank Williams. Während Chadwick von einer "riesigen Ehre, Teil der Williams-Familie zu werden", sprach, betonte die operative Leiterin des Teams die Wichtigkeit, "Frauen im Motorsport zu fördern. Ein weibliches Role Model als Teil unserer Driver Academy zu haben, wird hoffentlich mehr Mädchen inspirieren, in jungen Jahren mit dem Rennfahren anzufangen", sagte Williams.

Immer weiter auf der Karriereleiter

Chadwick selbst hat ihre Karriere im Alter von elf Jahren im Kartsport begonnen, danach zeigte der Weg steil nach oben. Zwar sprach sie angesichts ihres nunmehrigen Engagements noch nicht von Renneinsätzen; dass die Formel 1 ein Sehnsuchtsort für die ehrgeizige Britin ist, hat sie aber schon davor mehrfach angedeutet. Sie wolle in allem, was sie tue, zu den Besten gehören, denn nur dann habe sie eine Chance, die jeweils nächste Ebene betreten zu können, hatte sie erst vor zwei Wochen zum Onlineportal speedweek.com gesagt. "Ich will keinen Freipass, ich will mir meinen Platz verdienen."

Dass ein Platz für eine Frau in der Formel 1 vielleicht härter verdient sein muss als für einen Mann, hatte unter anderem Susie Wolff leidvoll erfahren müssen. Die nunmehrige Formel-E-Teamchefin war von 2012 bis 2015 ebenfalls bei Williams als Entwicklungspilotin engagiert und hat sogar an Freitags-Trainings teilgenommen. Für einen Grand-Prix-Einsatz hatte es aber nie gereicht, weswegen sie vor vier Jahren ihre aktive Motorsportkarriere beendet hatte. "Ich kann nicht ewig auf meine Chance warten", hatte die Schottin damals gesagt und sich bezüglich der näheren Zukunft skeptisch geäußert. "Jeder sagt, die Formel 1 sei bereit für eine Frau. Aber ich weiß nicht, ob das so ist."

Zwar haben in der Geschichte immer wieder Frauen ihr Glück in der vermeintlichen Königsklasse des Motorsports versucht. Seit Lella Lombardi, die 1975 und 76 Rennen für March, Williams und RAM bestritten und einmal auch gepunktet hatte, war aber noch keiner der letzte Schritt zu einem Grand-Prix-Einsatz gelungen. Auch Chadwick, der Williams "großes Talent" bescheinigt, hat vorerst nur den ersten gemacht – wenngleich einen, der ihren 21. Geburtstag zu einem ganz besonderen machte.