Quito/Verona. (apa/dpa/art) Das abschließende Zeitfahren war kein Stolperstein mehr, mit insgesamt knapp mehr als einer Minute Vorsprung auf Vincenzo Nibali und den slowenischen Favoriten Primoz Roglic sicherte sich Richard Carapaz am Sonntagabend in Verona seinen ersten Titel bei einer Grand Tour im Radsport. Die Österreicher Michael Gogl und Marco Haller, die Großteils Helferdienste verrichten mussten, landeten letztlich auf den Plätzen 97 beziehungsweise 116.

Der große Held war aber der 26-jährige Carapaz - nicht nur in Verona, wo seine Frau mitsamt den beiden Kindern die Siegerehrung im Amphitheater miterlebte, sondern vor allem in seiner Heimat, in der er sich auf einen Schlag respektive Pedaltritt zum Volkshelden machte. Staatschef Lenin Moreno verfolgte den Endspurt von Carapaz auf einer Großleinwand im Kunstmuseum von Guayaquil. Auch sein arg verfeindeter Vorgänger Rafael Correa twitterte an Carapaz Glückwünsche. Von der Zeitung "El Universo" wurde der Radprofi als "unsterblicher Held aller Zeiten" gefeiert. "Historischer Meistertitel!", schrieb indes "La Hora".

Richard Carapaz mit dem Objekt der Begierde. - © APAWeb / afp, Luk Benies
Richard Carapaz mit dem Objekt der Begierde. - © APAWeb / afp, Luk Benies

Mehr als 1000 Menschen hatten sich auf dem wichtigsten Platz in Carapaz‘ Heimatort Tulcan am Sonntag versammelt, um die letzte Etappe des Giro mitzuverfolgen. In der ländlichen Umgebung des bergigen Ortes in Nordecuador hatte Carapaz in seiner Kindheit die drei Kühe seiner Eltern geweidet.

Richard Carapaz gilt in Ecuador als Vorbild eines Profis bescheidener Herkunft, der mit Herz und Willen das Radfahren in der grünen Landschaft seiner Heimat erlernte. Als Kind wurde ihm sein Fahrrad gestohlen. Sein Vater, ein Landwirt in der Provinz Carchi, der auch Alteisen verkaufte, fand Ersatz: ein altes BMX-Fahrrad ohne Reifen, Sitz oder Bremsen. Auf dem blauen Fahrradskelett radelte er durch die bergige Landschaft. "Diese Landschaft ist perfekt zum Trainieren", sagt Carapaz auf einem Video über seine Kindheit.

Carchi hat eine Durchschnittshöhe von 3461 Metern, mit großen Höhen- und Temperaturschwankungen. "Das Leben auf dem Land ist hart. Es lehrt, stark und diszipliniert zu sein", sagte seine Mutter, Ana Luisa Montenegro. Auch Carapaz selbst bezeichnete den "größten Triumph, den ich in meinem Leben erreichen kann", als "Traum, aber auch den Lohn harter Arbeit".

Carapaz bekam den Spitznamen "Locomotora" ("Lokomotive") wegen seiner in den Bergen erworbenen Fähigkeit, steile Anstiege hinaufzuklettern. Das blaue Fahrrad steht noch als Reliquie in der Familienwohnung.