Silverstone. Die gute Nachricht kam schon zwei Tage vor dem ersten Training am Freitag: Der Grand Prix von Großbritannien, der am Sonntag in Szene geht, wird nicht der letzte in Silverstone gewesen sein, die Rennbetreiber haben sich mit den Eigentümern der Formel 1 auf eine Vertragsverlängerung bis inklusive 2024 zu besseren Konditionen für die Organisatoren geeinigt. Diese hatten vor zwei Jahren eine Ausstiegsklausel gezogen, sollten die Lizenzgebühren, wie im ursprünglichen, bis 2026 anberaumten Kontrakt vorgesehen, weiter steigen. Durch die Indiskretionen über die Verhandlungen hatten sie zwar hoch gepokert und Liberty Media als Formel-1-Eigentümer gegen sich aufgebracht - sich aber zugleich die Unterstützung von Fans und Fahrern wie dem Fünffachsieger Lewis Hamilton gesichert.

Denn einen Formel-1-Kalender ohne Großbritannien, ohne Silverstone, das nicht nur Home of British Motor Racing genannt wird, sondern auch als Heimat des Vierradsports überhaupt gilt, das wollte sich dann doch keiner vorstellen. Schließlich ist Großbritannien das einzige Land der Welt, in dem es durchgehend Formel-1-Rennen zu sehen gab, und Silverstone jene Strecke, auf der 1950 der erste WM-Lauf der Geschichte ausgetragen wurde.

Seit damals, als Guiseppe Farina sich mit seinem Erfolg auf dem ehemaligen Militärflugplatz unauslöschlich in die Annalen des Motorsports eingetragen hatte, ist viel Zeit vergangen. Vieles hat sich verändert, durch die Kommerzialisierung unter Bernie Ecclestone und den unter ihm begonnenen und unter Liberty Media, das sich die Rechte an der Rennserie vor drei Jahren um rund sieben Milliarden Euro gesichert hatte, unbeirrt fortgesetzten Expansionskurs kommen immer neue Destinationen dazu, während Traditionsrennen auch aufgrund immer höherer Gebühren um ihre Existenz fürchten.

"Zerstörerische Vorstellung"

Im Falle von Silverstone wären die Kosten für das Recht, ein Formel-1-Rennen austragen zu dürfen, laut der ursprünglichen Übereinkunft bis 2026 auf rund 26 Millionen Pfund gestiegen - Geld, das trotz des traditionell höchsten Zuschaueraufkommens nur schwer aufzutreiben gewesen wäre. Über die Details des neuen Vertrages wurde entsprechend der Branchenusancen Stillschweigen vereinbart, nach außen hin geben sich freilich alle Seiten zufrieden: "Wir haben immer gesagt, dass, wenn unser Sport langfristig eine Zukunft haben will, er sich seiner historischen Schauplätze bewusst sein muss. Und Silverstone ist die Wiege des Sports", erklärte Formel-1-Geschäftsführer Chase Carey. Marketingchef Sean Bratches wiederum nannte die Vorstellung davon, dass für Silverstone endgültig die Zielflagge geschwenkt werden würde, als "zerstörerisch".

Europas Wackelkandidaten

Doch es ist eine Gratwanderung, auf der sich die Formel 1 gerade bewegt. Nach wie vor schielt sie nach neuen Märkten, die sie vorwiegend außerhalb Europas zu finden glaubt. Die Asien-Serie wird auch im kommenden Jahr mit dem neuen Grand Prix von Vietnam ausgeweitet; ein zweites Rennen in den USA, am wahrscheinlichsten in Miami, ist eines der nächsten Ziele, und auch der derzeit als einziger Formel-1-technisch brachliegende Boden in Afrika will eher früher als später befahren werden. Marokko, wo schon die Formel E erfolgreich zu Gast ist, und Südafrika haben heuer schon Interesse angemeldet, die Formel-1-Granden dies mit Wohlwollen aufgenommen. Afrika sei "ein Markt, in dem wir gerne fahren würden", sagt Bratches und nennt ein durchaus nicht von der Hand zu weisendes Argument: "Wir fahren derzeit auf fünf Kontinenten, nur nicht in Afrika. Das ist uns wichtig." Die Formel 1, bekräftigt Carey, sei "ein globaler Sport, der 500 Millionen Zuschauer weltweit anzieht. Unser Ziel ist es, diese Zahl zu erhöhen, indem wir den Sport, den wir lieben, in neue Länder bringen und gleichzeitig die Wurzeln bewahren." Zurück zur Tradition, das schlägt sich ebenfalls im Programm für 2020 nieder, wenn Zandvoort - wo dank Max Verstappen viele Fans erwartet werden dürfen - wieder aufgenommen wird. Die schlechte Nachricht für die Traditionalisten: Man glaube, sagt Bratches, an einen Kalender mit 21 Rennen, "mehr eher nicht". Soll heißen, irgendwer muss gestrichen werden. Die Top-Wackelkandidaten sind neben Mexiko die Europa-Standorte Barcelona, Hockenheim und Monza, wo die Verträge heuer auslaufen. An diesem Wochenende, wenn in Silverstone die Motoren zum doch nicht letzten Mal dröhnen, wird das freilich kein Thema sein.