London. "Djokovićs epischer Triumph", ein "zerschmettertes" Federer-Märchen - und für manche gar "ein Match des Jahrhunderts": Der dramatische Wimbledon-Sieg von Novak Djoković gegen Roger Federer hat seinen Platz in der Tennis-Geschichte in jedem Fall sicher. Dieses denkwürdige Wimbledon-Finale vom 14. Juli war so reich an Wendungen und Dramatik, an Zahlenspielen, Geschichten und Emotionen, dass es nicht nur als längstes Endspiel der Turniergeschichte in Erinnerung bleiben wird. Zwischen Triumph und Tragik lag nur ein Punkt, nicht nur Boris Becker war fasziniert.

Nachdrücklich warb der dreifache deutsche Wimbledonsieger nach diesem unvergesslichen Triumph für mehr Respekt für seinen früheren Schützling Djoković. "Jetzt, nach 16 Grand Slams, müssen die Leute erkennen, wie großartig Novak Djoković ist", erklärte der TV-Kommentator, der den Serben von 2013 bis 2016 trainiert hatte. Immerhin: Als erster Spieler seit 71 Jahren, seit dem Amerikaner Robert Falkenburg, gewann der Weltranglisten-Erste Djoković nach (zwei) Matchbällen des Gegners das bedeutendste Tennis-Turnier. Federer verlor als Erster seit dem Australier John Bromwich (1948) nach Matchbällen und ließ sein Wimbledon-Märchen aus den Händen gleiten.

Verpasste Chance für Federer

Die Medien griffen Beckers Anregung gern auf. "Ein abgefahrenes Wimbledon. Ein Match des Jahrhunderts", schrieb die italienische "Gazzetta dello Sport". Und obwohl das zuvor längste Wimbledon-Finale zwischen Federer und Rafael Nadal 2008 noch mit Regenunterbrechungen und der einbrechenden Dunkelheit zusätzliche Dramatik bot, schrieb auch die spanische Zeitung "AS": "Ein legendäres Finale, das neue Spiel des Jahrhunderts." Dabei war in dieser faszinierenden Atmosphäre Federer der klare Publikumsliebling, Djoković zwischenzeitlich sogar ausgebuht worden. Der 32-Jährige blendete dies alles aus, münzte in seiner Vorstellung die Anfeuerung um: "Wenn die Menge Roger ruft, höre ich Novak", sagte der Serbe und lachte. Ernsthaft erklärte er: "Es war mental die härteste Partie, die ich jemals gespielt habe."

Ausgerechnet im letzten Einzel von 14 turbulenten Wimbledon-Tagen kam erstmals die neue Regelung mit einem Tiebreak beim Stande von 12:12 zur Anwendung. Das Final-Drama war nun mit 4:57 Stunden sogar noch neun Minuten länger als das vor elf Jahren zwischen Nadal und Federer. Allein 122 Minuten dauerte der Schlagabtausch im fünften Satz. "Ich bin beide Male der Verlierer, das ist die einzige Ähnlichkeit, die ich sehe", meinte Federer. Mit etwas Abstand zeigte sich Federer enttäuschter, als es bei der Siegerehrung auf dem Platz den Anschein gemacht hatte. Der Basler sprach von einer gewissen Wut und einer verpassten Chance und durfte überall Trost suchen - nur nicht in den Zahlen. Fast alle relevanten Statistiken sprachen für ihn - nur die Tiebreaks beim 7:6, 1:6, 7:6, 4:6 und 13:12 aus Sicht von Djoković nicht. "Ich habe das Gefühl, dass ich eine unglaubliche Möglichkeit verpasst habe", so Federer. "Diesmal bin ich eher wütend als enttäuscht oder traurig." Vergebene Matchbälle gegen Djoković haben für Federer eine unrühmliche Vergangenheit, auch bei den US Open 2010 und 2011 verlor er so jeweils im Halbfinale. Seit sieben Jahren wartet Federer auf einen Sieg gegen Djoković bei einem der vier größten Turniere.

Vier der jüngsten fünf Grand-Slam-Turniere hat Djoković gewonnen und damit unterstrichen, dass er der beste Spieler ist, und mit 16 Triumphen Federer (20) und Nadal (18) im Rennen um die meisten Titel einholen könnte.