Pau. (rel/sir) Der Tourmalet ist, was Julian Alaphilippe noch werden will: eine Legende. Der Franzose, der seit Tagen im Gelben Trikot des Tour-Gesamtführenden fährt, hat dieses am Freitag erfolgreich verteidigt, ehe es nun am Wochenende in die hohen Pyrenäen geht, eben auf den Col du Tourmalet, der seit 1910 immer wieder im Rahmen der Tour de France bezwungen werden muss.

Dass Alaphilippe das Einzelzeitfahren in Pau an der Spitze des Klassements übersteht, ist keine große Überraschung, sein Vorsprung auf den Vorjahressieger Gareint Thomas betrug mehr als eine Minute. Und Alaphilppe hat in der Vergangenheit immer wieder starke Zeitfahren hingelegt. Doch dass der 27-jährige Franzose das Zeitfahren gewinnen und seinen Vorsprung noch ausbauen konnte, ist eine Sensation. Damit hatte niemand gerechnet – weder der um 14 Sekunden distanzierte Thomas, noch Alaphilippe selbst, wie er nachher gestand. "Es ist unglaublich, ich bin selbst ein bisschen überrascht".

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Auch wenn nun erst die entscheidenden Bergetappen anstehen, hat sich Alaphilippe tatsächlich in eine Favoritenrolle geschoben. Sein Vorsprung ist auf 1:26 Minuten gewachsen. In der Vergangenheit war er zwar vor allem bei Eintagesrennen mit kurzen, heftigen Anstiegen erfolgreich, doch auf der 6. Etappe nach Planche des Belles Filles hat er bewiesen, dass er es auch im Gebirge kann. Nun aber geht es ins Hochgebirge. Immerhin steht ihm in Enric Mas ein hochkarätiger Bergfahrer als Adjutant zur Seite. Er wird am Wochenende für Alaphilippe noch wichtig werden.

Es begann mit einer Lüge

Die Etappe am Samstag mag mit 117 Kilometern nicht die weiteste dieser Tour sein, doch sie führt auf den 2115 Meter hohen Col du Tourmalet, wobei sich der finale Anstieg über 19 Kilometer zieht. Nicht umsonst gilt der Tourmalet als Klassiker.

Der Tourmalet, was so viel wie "schlechter Weg" bedeutet, wurde erstmals 1910 bei einer Tour überquert, noch vor dem Col du Galibier (2642 Meter) in den Westalpen, der seine Premiere erst 1912 im Rahmen der Grand Boucle feierte. Auch dieser muss heuer wieder bezwungen werden.

Damals war alles ziemlich abenteuerlich, zumal in den Pyrenäen Bären und Wölfe unterwegs gewesen sein sollen. Dass die Etappe dennoch aufgenommen wurde, war auf ein Telegramm des damaligen Tour-Organisators Alphonse Steines zurückzuführen. Seinem Chef Henri Desgrange telegrafierte er – nicht ganz der Wahrheit entsprechend: "Tourmalet-Pass. Stop. Sehr gute Straße. Stop. Absolut brauchbar. Stop." Tatsächlich hatte sich Alphonse Steines im Gelände verlaufen und wäre im Schnee beinahe erfroren. Dennoch nahm die Tour diesen Weg und schrieb damit viele Legenden.

Eine unglaubliche Begebenheit spielte sich 1913 ab. Nachdem Eugène Christophe auf der Abfahrt vom Tourmalet die Vordergabel gebrochen war, musste er 14 Kilometer zu Fuß zur nächsten Schmiede gehen, wo er sich aber von den Handwerkern nicht helfen lassen durfte. Durch Fußmarsch und Reparatur verlor er mehr als zwei Stunden – und erhielt dennoch eine Strafminute, da ein Bub den Blasebalg für ihn bedient hatte. Der Überlieferung nach kommentierte er diese Strafminute mit nicht ganz druckfähigen Ausdrücken. Er wurde immerhin Siebenter.

Der König des Tourmalet heißt freilich Federico Bahamontes. Der Spanier, genannt der "Adler von Toledo", fuhr zwischen 1954 und 1964 vier Mal als Erster über den Gipfel, Etappenziel war dieser bisher zwei Mal, zuletzt 2009 sowie 1974, als der Franzose Jean-Pierre Danguillaume im dichten Nebel gewann.

Rätsel um Dennis-Ausstieg

Am Samstag werden sich wieder die üblichen Verdächtigen um Peter Sagan, Geraint Thomas, Julian Alaphilippe, Vincenzo Nibali und Egan Bernal um die Bergankunft streiten. Nicht mehr bei der Tour mit dabei ist Zeitfahr-Weltmeister Rohan Dennis aus Australien. Die Umstände, die zu seiner Absage für das Einzelzeitfahren am Freitag in Pau geführt haben, bleiben weiter ungeklärt. Dennis war bereits am Donnerstag auf der Etappe nach Bagnères-de-Bigorre nach 80 Kilometern ausgestiegen. Laut Angaben des französischen Fernsehens soll sich der Australier vor seinem Ausstieg mit dem Team gestritten haben.