Paris. Egan Bernal ist der erste aus Kolumbien stammende Sieger der Tour de France. Der erst 22-jährige Kletterspezialist aus dem britischen Ineos-Rennstall gewann die 106. Auflage der Frankreich-Radrundfahrt vor seinem walisischen Teamkollegen Geraint Thomas. Hinter dem Titelverteidiger belegte der Niederländer Steven Kruijswijk Rang drei.
Die 21. und letzte Etappe am Sonntag von Rambouillet nach Paris ging an den Australier Caleb Ewan, der seinen dritten Tageserfolg feierte.

Bernal ist der jüngste Sieger der Frankreich-Rundfahrt seit 1935. Für die Großen des Radsports wie Eddy Merckx und Bernard Hinault ist schon jetzt klar, dass sich dieser kleine Kletterer irgendwann zu ihrem elitären Kreis bei der Tour de France gesellen oder die Fünf-Sterne-Champions sogar noch überholen wird.

"Es gibt Eddy Merckx, Jacques Anquetil, mich und Miguel Indurain. Aber wenn man bedenkt, dass Bernal erst 22 Jahre ist, dann könnte er es weiter bringen als jeder von uns", schwärmte Hinault. Soweit ist es noch nicht. Historisches hat Bernal trotzdem geschafft. Als erster Kolumbianer hat das 60-Kilogramm-Leichtgewicht das Gelbe Trikot nach Paris gebracht.

"Kolumbien hatte immer großartige Fahrer, aber wir haben nie die Tour gewonnen. Ich weiß nicht warum", sagte Bernal, nachdem er bei der Kletterpartie in Val Thorens am Samstag das letzte Hindernis auf seiner 3000 Kilometer langen Reise durch Frankreich aus dem Weg geräumt hat. "Ich bin sehr stolz darauf. Ich kann es kaum erwarten, das Trikot nach Kolumbien zu bringen."

Genauer gesagt nach Zipaquira, wo Bernal unweit von der Hauptstadt Bogota entfernt in 2650 Metern Höhe aufgewachsen ist. In der Nähe lebt er auch mit seiner Verlobten Xiomy, die er zu Juniorenzeiten in der Mountainbike-Nationalmannschaft kennengelernt hat. Dort fährt er dann nach Pacho in den Geburtsort seiner Mutter Florites auf 3600 Metern über dem Meeresspiegel. 23 Kilometer ist der Anstieg lang, im Schnitt 7,5 Prozent. Bernal schafft es unter einer Stunde - immer begleitet von seinem Vater German und einem Polizisten auf dem Motorrad, weil der Verkehr nicht ungefährlich ist.

Nach Stürzen in Rekordzeit zurück

"Ich liebe das Adrenalin", sagt der Youngster, der sich auch von schweren Stürzen nicht beeindrucken lässt. Im März 2018 zog er sich bei der Katalonien-Rundfahrt Brüche am Schulterblatt und Schlüsselbein zu, fünf Monate später erlitt er beim Rennen in San Sebastian eine leichte Hirnblutung und schlug sich einige Zähne aus. Schließlich platzte im Mai sein Debüt beim Giro d'Italia, nachdem er einen Schlüsselbeinbruch erlitten hatte. Er kam aber immer wieder in Rekordzeit zurück.

Vor allem der Ausfall für den Giro erwies sich für Bernal im Nachhinein als glückliche Fügung. "Nach dem Bruch habe ich an die Tour gedacht. Ich wäre nicht in dieser Position, wenn ich den Giro gefahren wäre", betonte Bernal.

Das Schicksal positiv beeinflusst hat auch Mountainbike-Trainer Pablo Mazuera. Hätte der Coach den Radstar vor fünf Jahren nicht überredet, seine Karriere doch fortzusetzen, wäre dem Radsport womöglich ein Jahrhunderttalent verwehrt geblieben. Denn Bernal hatte bereits angefangen, Journalismus zu studieren, ehe Mazuera intervenierte.

So trat Bernal doch weiter in die Pedale, ging mit 19 Jahren nach Italien zum zweitklassigen Team Androni Giocattoli. Er gewann die prestigeträchtige Nachwuchsrundfahrt Tour de l'Avenir. Ineos-Teamchef Dave Brailsford wurde sogleich auf Bernal aufmerksam und stattete ihn mit einem Fünfjahresvertrag aus, was eigentlich äußerst unüblich ist.

Bei Ineos sind sie seit seiner Ankunft schwer beeindruckt. "Er ist geboren, um schnell zu fahren. Er hat eine großartige Zukunft vor sich", sagt der entthronte Champion und Zweitplatzierte Geraint Thomas. Vor allem Vierfach-Sieger Chris Froome nahm sich Bernal zum teaminternen Vorbild und lernte dazu in wenigen Monaten Englisch. "Ich habe ihn immer beobachtet und mir einiges abgeschaut."

Viel lernen muss er im Radsport nicht mehr. Bernal ist schon jetzt ein kompletter Rennfahrer. Er gewann bereits die Rundfahrten Paris-Nizza und Tour de Suisse. Dieses Jahr soll erst der Anfang sein. "Wenn man einmal die Tour gewonnen hat, will man immer mehr. Das ist wie eine Droge. Man denkt an das nächste Rennen", sagt Bernal und redet schon wie Merckx. (apa)