Spielberg. Nein, in einem Leiterwagerl wird Marc Márquez am großen MotoGP-Wochenende in Spielberg nicht vorfahren. Könnte er aber, hat KTM-Chef Stefan Pierer im Vorjahr noch gemeint - und damit zum Ausdruck bringen wollen, dass Márquez unter den vielen außergewöhnlichen Fahrern, die die Motorrad-WM zu bieten hat, halt der alleraußergewöhnlichste sei, der auf welchem Untersatz auch immer zu den schnellsten gehöre. In Pierers Worten: "Er ist ein Gott."

Doch weil dessen Wege bisweilen eben unergründlich sind, haben sie ausgerechnet bei Márquez, jenem Mann also, der die MotoGP seit seinem Erscheinen beinahe nach Belieben dominiert, gerade in Spielberg noch nie ans ultimative Ziel, sprich aufs oberste Stockerl, geführt. 2016 bei der Rückkehr der Motorrad-WM nach Österreich hat ihn ein Sturz im Training ausgebremst, mehr als Platz fünf war beim Ducati-Doppelsieg durch Andrea Iannone und Andrea Dovizioso nicht drinnen. In den beiden vergangenen Jahren hat sich der Spanier packende Rad-an-Rad-Kämpfe mit der Konkurrenz geliefert und am Ende doch das Nachsehen gegenüber Dovizioso beziehungsweise Jorge Lorenzo gehabt.

Weil aber Ersterer am Sonntag in Brünn trotz starkem Beginn mit Fortdauer des Geschehens chancenlos gegen Márquez war und Zweiterer - mittlerweile von Ducati zu Honda gewechselt - sich wegen seines Wirbelbruches vom deutschen Ersatzfahrer Stefan Bradl vertreten lassen muss, und weil Márquez eben immer noch Márquez und seine Maschine dann doch kein Leiterwagerl ist, geht er auch in Spielberg als Favorit ins Wochenende.

Schlechte Erinnerungen an die vergangenen Jahre kommen dem 26-Jährigen ohnehin nicht in den Sinn, wenn er an die - für ihn im übertragenen ebenso wie im wörtlichen Sinne - Berg- und Talfahrt in der Obersteiermark denkt. "Der Red-Bull-Ring ist eine einzigartige Strecke, die den Bremsen und der Power des Motorrades viel abverlangt", sagte er nach seinem Sieg in Brünn, dem sechsten im zehnten Saisonrennen, dem 50. in der MotoGP-Klasse und dem 76. in einem WM-Rennen. "Wir hatten in der Vergangenheit dort aufregende Rennen, und ich glaube, dass es dieses Jahr wieder interessant wird."

Rossi sentimentaler Favorit

Für einen Premierensieg Márquez’ in Österreich würde freilich auch sprechen, dass er sich gegenüber seinen jungen Jahren gewandelt hat. Aus dem Strecken-Rambo, als der er einst verschrien war, ist ein Mann geworden, der das Risiko wohl kalkulieren, dabei aber nachlegen kann, wenn’s nötig ist. Was zählt, ist nicht mehr der Rennsieg um jeden Preis, sondern die WM-Endabrechnung. Für diese konnte er in den vergangenen Jahren zur Saisonhälfte auch mit seinen zweiten Plätzen in Spielberg wertvolle Punkte sammeln. Und in der liegt er auch heuer wieder recht deutlich vor der Konkurrenz: 63 Punkte beträgt das Guthaben auf Dovizioso, 81 sind es schon auf Danilo Petrucci - ganz zu schweigen von Altmeister Valentino Rossi, der als Sechster und heuer noch ohne Rennsieg in der WM chancenlos hinterher fährt.

Der Begeisterung des Publikums für Rossi tut das freilich auch in Spielberg keinen Abbruch. Schon im Vorjahr wurde die nach ihm benannte Tribüne wegen des großen Interesses vergrößert, neben dem KTM-Orange dominieren seine Farben Gelb-Blau an der Strecke und in den umliegenden Beisln, und unter den mehr als 200.000 Fans, die am Grand-Prix-Wochenende erwartet werden, kann man über den 40-jährigen Rossi wahrscheinlich häufiger als über Márquez die Bezeichnung "Zweirad-Gott" hören. Und so unergründlich dessen Wege auch sein mögen - nach Spielberg führen sie an diesem Wochenende auf jeden Fall.