New York. (art) Als Bianca Andreescu auf die Welt kam, hatte Serena Williams schon einen Grand-Slam-Titel in der Tennistasche; als sie ein kleines Kind war, wuchs sie mit den Erfolgen der US-Amerikanerin auf. "Ich habe ihr bei fast allen ihren Siegen zugeschaut", sagt die Kanadierin. Am Samstag (22 Uhr MESZ/ORF Sport+, Herren-Finale am Sonntag) will sie ihr freilich nicht zuschauen, wenn Williams nach ihrem mittlerweile 24. Major-Titel greift.

Anstatt der 37-Jährigen zum Allzeitrekord von Margaret Court zu gratulieren, würde Andreescu lieber selbst den Pokal in den New Yorker Nachthimmel stemmen. Bei ihrer Premiere im Hauptfeld der US Open hat Andreescu sich ins Finale durchgekämpft - und damit viele überrascht, wie sie selbst meint. "Ich habe immer von diesem Moment geträumt, seit ich ein Kind war. Aber ich glaube nicht, dass es viele gibt, die gedacht haben, dass aktuell der Moment gekommen wäre", sagte sie nach ihrem 7:6, 7:5-Sieg über die Schweizerin Belinda Bencic. Allerdings könnte das durchaus ein Irrtum sein. Denn Andreescu ist eine der Durchstarterinnen der Saison, hat heuer trotz Verletzungspausen schon drei Turniere, darunter die Hochkaräter in Indian Wells und Toronto, gewonnen. In ihrer kanadischen Heimatstadt war ebenfalls Williams ihre Finalgegnerin - allerdings musste diese beim Stand von 1:3 aus ihrer Sicht aufgeben. "Ich habe meinem Team gesagt, dass ich unbedingt noch einmal gegen sie spielen will, bevor sie aufhört", erzählt Andreescu. Die Erfahrung aus Kanada werde ihr trotz der Kürze des Duells in Flushing Meadows helfen, wie sie glaubt. "Am Anfang war ich nervös. Aber als ich auf den Platz gegangen bin, hat sich diese Nervosität in etwas anderes kanalisiert."

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Das Arthur-Ashe-Stadion ist freilich noch einmal eine andere Kategorie - und es ist so etwas wie das Wohnzimmer Williams’, die mit sechs Triumphen gemeinsam mit Chris Evert den New-York-Rekord in der offenen Ära hält. Ihren ersten Titel hier holte sie vor exakt 20 Jahren, gut neun Monate, bevor ihre Finalgegnerin auf die Welt kam. Doch auch Andreescu hat sich mittlerweile an die große Bühne im Welttennis gewöhnt. Seit sie 2014 mit dem Orange-Bowl-Triumph bei den unter 16-Jährigen die ältere Konkurrenz ausstach, gilt sie als größte Nachwuchshoffnung im kanadischen Tennis nach Eugenie Bouchard, die im selben Jahr in Wimbledon als bisher einzige Kanadierin ein Grand-Slam-Finale erreicht hatte.

Drei Jahre später erreichte Andreescu an selber Stelle erstmals selbst den Hauptbewerb bei einem der vier größten Turniere, schied aber in der ersten Runde aus. Nachdem das Jahr 2018 wieder einen leichten Rückschlag brachte, sie außerhalb der ersten 200 der Weltrangliste lag, gelang ihr heuer der absolute Durchbruch. Aktuell steht sie auf Position 15 der Weltrangliste, am Montag wird sie unabhängig vom Ausgang des Finales erstmals die Top Ten knacken.

Williams, lange die Nummer eins, liegt derzeit an der achten Stelle. Für sie geht es aber längst nicht mehr nur um die Weltrangliste, für sie zählen nur Rekorde. Jenem Courts jagt sie nun seit den Australian Open 2017 und der Geburt ihrer Tochter Alexis Olympia im selben Jahr vergeblich hinterher. Dreimal scheiterte sie seither in einem Endspiel, darunter vor einem Jahr gegen Naomi Osaka in New York.

 

Insgesamt drei Niederlagen - 2001 gegen Schwester Venus, 2011 gegen Samantha Stosur und eben 2018 - kassierte sie in ihren bisher neun US-Open-Endspielen. Zwei hintereinander verlor sie aber noch nie, kehrte sie doch 2002 und 2012 auf den Thron in Flushing Meadows zurück. Die weiteren New-York-Siege feierte sie 2008, 2013 und zuletzt 2014. Sämtliche Zahlen sprechen also für Williams.

Doch Andreescu hat - wie damals Stosur oder Osaka - nichts zu verlieren. Und verlieren ist sowieso etwas, das sie kaum noch kennt. 38:4 Siege lautet ihre Jahresbilanz. Es gab Zeiten, da hatte nur Serena Williams solche Statistiken. Andreescu hat es quasi vom Kinderzimmer aus gesehen.