New York. Es gab diesen kurzen Moment der Verwirrung, und er erzählt auch ein bisschen etwas über die Geschichte dieses Spiels, das mit Worten nur unzulänglich zu beschreiben ist. Welcher Platz ist nun für welche Trophäe, welcher für den Pokal und welcher für den Silberteller vorgesehen, den der Finalverlierer überreicht bekommen würde?

Man muss die kurze Unsicherheit der Kinder, die die Devotionalien auf den Center Court brachten, verstehen; es war schon spät in jener mit Blitzlichtern erhellten Nacht in einer Stadt, die angeblich ohnehin nie schläft. Und einen Verlierer hatte die Partie auch nicht verdient. Doch weil die Regeln nun einmal vorsehen, dass es dann doch einen ersten und einen zweiten Gewinner geben muss, krönte sich Rafael Nadal mit einem 7:5, 6:3, 5:7, 4:6, 6:4-Erfolg über Daniil Medwedew zu Ersterem, sprich zum Sieger der diesjährigen US Open.

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Plötzlich Publikumsliebling

Für den Russen Medwedew, der inklusive dem Turniersieg in Cincinnati nun vier Finalspiele hintereinander bestritten und sich an gewonnenen Spielen zum erfolgreichsten Akteur der Saison gemacht hat, blieb dann doch nur der zweite Platz – und der Silberteller.

Er nahm ihn mit jener stoischen Ruhe entgegen, die ihm während seiner Spiele mitunter fehlt, was ihm im Verlauf des Turniers auch schon eine Auseinandersetzung mit dem Publikum und den Offiziellen eingehandelt hatte. Im Finale war das anders. Als er sich nach einem Zweisatz-Rückstand noch einmal herankämpfte, den großen Nadal mit seinem schwierig zu lesenden Spiel und Wirkungstreffern unter Druck setzte, war das Publikum zwischenzeitlich sogar auf der Seite des Außenseiters.

Für Rafael Nadal war es der "emotionalste" Titelgewinn seiner Karriere. Das sagte er noch vor der Übergabe der Trophäe im Interview auf dem Platz. - © APAweb / AFP, Emilee Chinn
Für Rafael Nadal war es der "emotionalste" Titelgewinn seiner Karriere. Das sagte er noch vor der Übergabe der Trophäe im Interview auf dem Platz. - © APAweb / AFP, Emilee Chinn

"Ich danke allen, die da waren. Wegen eurer Energie habe ich es in den fünften Satz geschafft", sagte der 23-Jährige, dem nicht nur sein Bezwinger eine große Zukunft voraussagt. "Jeder hat gesehen, warum er die Nummer vier der Welt ist", sagte der um zehn Jahre ältere Spanier, den Platzwechsel Medwedews mit Österreichs früh ausgeschiedenem Dominic Thiem am Montag vorwegnehmend.

Dann kamen die Emotionen

Für ihn selbst, so Nadal weiter, sei dieser Titelgewinn "extrem wichtig", wahrscheinlich sein "emotionalster". Er habe versucht, die Gefühle unter Kontrolle zu haben, am Ende sei dies nicht möglich gewesen, meinte der Spanier, der auch vor der Siegerehrung in Anbetracht seiner Erfolge, die über die Videowall flimmerten, mit den Tränen kämpfte und sein Gesicht in den Händen vergrub. Letztlich habe er dem Druck aber standgehalten. "Das macht es sehr speziell für mich".

Dabei hat Nadal schon viele spezielle Siege gefeiert, bei den US Open nun schon seinen vierten, bei Grand-Slam-Turnieren insgesamt 19, womit ihm nur noch ein Triumph auf Roger Federers Rekord fehlt. Natürlich ist dessen Egalisierung ein Ziel von ihm, ebenso wie die Rückeroberung der Weltranglistenspitze, die vorerst noch Novak Djokovic inne hat. Darüber sprechen wollte Nadal aber nicht. Es sei wichtiger für ihn, gut zu spielen, sein Bestes zu geben – und "glücklich zu sein", wie er sagte.

Während das Damen-Turnier in der erst 19-jährigen Bianca Andreescu, die sich mit 6:3, 7:5 gegen Serena Williams durchsetzte, ein neues Siegergesicht hervorbrachte, war es bei den Männern an Nadal, die Serie der großen Drei – seit Stan Wawrinkas US-Open-Erfolg 2016 hat er sich mit Federer und Djokovic alle Major-Titel aufgeteilt – fortzusetzen. Doch daran, dass ihnen in Medwedew ein großer Herausforderer erwächst, ließ der Russe keinen Zweifel aufkommen. Die Silberware liegt jedenfalls bereit.