Wien/Basel. "Wir wollen dem schlaffen jüdischen Leib die verlorene Spannkraft wiedergeben, ihn frisch und kräftig, gewandt und stark machen!" Als der österreichische Arzt, Schriftsteller und Zionist Max Nordau im Jahr 1898 diese Worte an das Publikum des zweiten Zionistenkongresses in Basel richtete, konnte er nicht ahnen, welch’ kräftige Wirkung sie nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa entfalten würden. Dabei war die Forderung, wonach sich die Juden Europas mehr mit ihrem Körper anstatt nur mit religiöser Tradition und geistiger Bildung beschäftigen sollten, nicht einmal unklug. Nordaus Ziel, das er gemeinsam mit seinem Freund Theodor Herzl seit Jahren verfolgte, war schließlich ein hochpolitisches: die Errichtung einer Heimstätte für alle Juden in Palästina. Mit körperlich unterlegenen "Talmud- und Nervenjuden", wie der Volksmund gemeinhin abschätzig urteilte, sei die Idee nicht zu verwirklichen; weswegen der aus Budapest gebürtige Arzt die Schaffung eines neuen jüdischen Menschentypus ankündigte. Denn nur er, der physisch trainierte "Muskeljude", werde in der Lage sein, das gesteckte Ziel, die Errichtung eines jüdischen Staates, zu realisieren. Das Streben nach Preisen oder Rekorden lehnte Nordau hingegen strikt ab.

Der "Muskeljude" erobert Wien

Kaum war der Kongress beendet, machte sich im fernen Berlin der jüdische Philosophiestudent Wilhelm Lewy gemeinsam mit 48 anderen jungen Männern umgehend daran, den ersten jüdischen Turnverein zu gründen. Der Name des im Oktober 1898 angemeldeten Sportvereins war Programm, handelte es sich doch beim Vereinsnamen Bar Kochba um den legendären Anführer eines jüdischen Aufstandes gegen die römischen Eroberer. Es dauerte nicht lange, bis Nordaus "Muskeljuden" auch in der österreichisch-ungarischen Monarchie Fuß fassten und in der Reichshauptstadt Wien die ersten Sportvereine ins Leben riefen. Zu den bekanntesten Klubs zählt neben dem Wiener Jüdischen Turnverein (1899 gegründet) und dem Turnverein Zion (1900) der SC Hakoah, der am 16. September 1909 von den Brüdern David, Salomon und Otto Weinberger konstituiert wurde und in diesen Tagen sein 110. Bestandsjubiläum feiert.

Tatsächlich war der Zulauf, den die Wiener Hakoah (hebräisch für "Kraft") in den ersten Jahren erfuhr, nicht bloß Nordaus zionistischen Thesen, sondern auch dem grassierenden Antisemitismus geschuldet, dem jüdische Sportler in ihren angestammten Klubs ausgesetzt waren. Im Unterschied zu anderen Vereinen sah sich der SC Hakoah als Sammelbecken für alle jüdischen Sportler und Sportlerinnen, wobei das Angebot weit über gewöhnliche Körperertüchtigung hinausging: Um das Selbstbewusstsein der jüdischen Athleten zu stärken, wurden regelmäßig Vorträge und Veranstaltungen zu politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Themen abgehalten - Tanz-, Theater- und Orchestervorstellungen inklusive.